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Die weltoffene Willensnation Schweiz in Fotografien von 1840 bis 1960

Zur Sonderausstellung «Aufbruch in die Gegenwart – Die Schweiz in Fotografien 1840–1960» im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen TG

Das Sammlerpaar Ruth und  Peter Herzog ist mit ihrer Fotosammlung und der «Fondation  Herzog» in Basel ein besonderer Glücksfall für die fotografische Kulturgeschichtsschreibung in der Schweiz. Ihre Schenkung der  wertvollen Sammlung historischer Fotografien aus der Schweiz an das Schweizerische Landesmuseum ist eine Kostbarkeit, und der Besuch der bis zum  28. Februar 2010 dauernden Ausstellung ist lohnenswert. Jede Fotografie  erzählt ein kleines oder grosses Stück Schweizer Geschichte − aus der Wirtschaft, dem Alltagsleben, der Landwirtschaft oder dem Sport.
 Die ersten Bildzeugnisse zeigen die Anfänge des jungen Bundesstaates, festgehalten von «Wanderfotografen», bis hin zur modernen Schweiz der 1960er Jahre mit der moder nen Fototechnologie. Das ganze Spektrum der Fotografien zeigt die leistungsfähige und sozial eingestellte  Willensnation Schweiz, die weltoffen und zugleich unabhängig und eigenständig ihren Erfolgsweg beschreitet.
 Anhand der drei Themenbereiche «Vom Agrar- zum Industrie- und Dienstleistungsstaat» mit wunderschönen Aufnahmen aus der Landwirtschaft, dem Thema «Ein Land wird erschlossen» mit dem Bau des Strassen- und Schienennetzes und dem Bau von Flughäfen und «Helden des Alltags» gibt die Ausstellung Einblicke in private  und öffentliche Bereiche.
 So zeigt der Blick in die Giesserei Sulzer in Winterthur von 1919 die Arbeiter mit den riesigen Giessformen  in einer beeindruckenden Fabrikanlage. Oder die wunderschönen Aufnahmen  der grossen Schweizer Fotografen Theo Frey (1908–1997)  mit Einblicken ins Schulleben im Kanton Graubünden der 1940er Jahre oder  Ernst Brunner (1901 bis 1979), der General Guisan  am Defilée im Luzernerland eindrücklich  festgehalten hat.
 Menschlich berührend sind auch die persönlichen begleitenden Texte  zu einzelnen Aufnahmen von Ruth und Peter Herzog. So liest der Besucher beispielsweise bei einer Gruppenaufnahme mit dem Direktor und der Belegschaft  einer Schweizer Fabrik: «Der Chef war streng, aber gerecht», eine Charakterisierung, die fair ist und sicher auch in der heutigen Wirtschaftswelt, ausser in den radikal globalisierten Firmen, weitgehend noch Gültigkeit hat.
 Bei vielen Aufnahmen wird der Verlust von Bereichen sichtbar, bei anderen Fotografien brachte das Neue Erleichterung. Aber es fehlt etwas. Dieter Bachmann schreibt einleitend im Katalogbuch: «Erst wenn es fehlt, merken wir, dass wir es hatten. Verblüfft sehen wir uns um. War es nicht  eben noch da? Wann haben wir es verloren? Wo? Wo ist es geblieben?»
 Verschiedene Texte von Schweizer Autoren werden im Katalog mit den Themen der  Aufnahmen in einen Dialog gebracht.

Nahe beim Menschen

Es ist verdienstvoll, dass die Basler Ruth und Peter Herzog seit 1974 Fotografien zu vielen Themen und  besonders auch zur visuellen Geschichtsschreibung der Schweiz sammeln. Es  sind keine Aufnahmen der Starfotografen, sondern Bilder aus dem  alltäglichen Leben, Fotoalben aus Nachlässen der Bevölkerung.  Sie folgten auch nicht dem spekulativ aufgebauschten Fotokunstmarkt. In einem Gespräch spürt man die menschliche und soziale Haltung der Sammler, welche auch die Mentalität der Schweiz ausmacht: «Überall  gibt es Bilder von Menschen, die zusammenfinden, heiraten, Kinder bekommen,  diese heranwachsen sehen und sterben, […] im Unscheinbaren wird das Leben einer Gesellschaft viel deutlicher bewahrt, weil die Menschen da nicht etwas Besonderes darstellen wollen. […] Der Alltag ist überall sehr verschieden.
 Was die Fotos aber bis in die sechziger Jahre zeigen, ist eine grosse Bescheidenheit in der Schweiz. Noch die Generation meiner Eltern war davon geprägt,  mehr zu leisten als zu verlangen. Man hat mehr produziert als konsumiert.  Dazu kommt eine grosse Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit. Die Menschen konnten sich aufeinander verlassen. Es gab einen Zusammenhalt, der sich über alle Schichten und Berufe hinweg verband.» (NZZ am Sonntag  vom 8.11.2009)
 So kann das Landesmuseum auch für zukünftige thematische Ausstellungen aus diesen Schätzen wertvolle Bezüge herstellen.  Dabei wird auch deutlich, wie wertvoll das klassische Negativ-positiv-Verfahren  ist. Die über 100 Jahre alten Fotos, anfangs die  Daguerrotypie, haben eine sehr hohe Qualität, und von den Negativen können bis heute immer noch Abzüge gemacht werden.
 Die Gefahr der gegenwärtigen digitalen Fotografie mit ihrer Unsicherheit  in der Bildspeicherung über Jahrzehnte hinweg – und dies im schnellen technologischen Wandel – kann zu einem Fehlen von Bilddokumenten  führen.
 Auf die Frage, wie sich das Bild der Schweiz verändern wird, antwortet  Peter Herzog: «Wir wissen nicht einmal, wer es in Zukunft erstellen  wird. Familienalben, wie wir sie kennen, verschwinden, schon allein, weil  heute alles digital gespeichert wird. Wenn der Chip voll von Bildern ist,  wird er gelöscht. Während wir so viele Bilder um uns haben wie  keine Epoche zuvor, werden zuletzt kaum welche übrigbleiben. Vielleicht übernehmen diese Rolle dann ja die Überwachungskameras, und unser Leben liegt dann auf Filmrollen in irgendeinem Keller.» (NZZ am Sonntag vom 8.11.2009)
 Die Ausstellung regt an zum Nachdenken über das Wesentliche, was die Schweiz, die Welt und den Sinn des Lebens wirklich ausmacht. Sie kann auch Antworten geben auf die eingangs gestellte Frage: Was fehlt heute?
 Die genaue und langsame Bildbetrachtung ist gerade bei den kleinen Formaten in den Vitrinen des Landesmuseums eine gute Medizin in unserer Zeit der massiven Bilderflut.
 Erfreulich ist auch das Begleitheft für Lehrpersonen und Schulen mit  wertvollen Materialien. Ebenso werden zahlreiche verschiedene Begleitveranstaltungen und öffentliche Führungen angeboten. •

Ausstellung im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich, noch bis 28.2.2010.

Informationen: http://www.landesmuseum.ch/ Tel.+41 44 218 85 11
 
Nr.4 vom 25.1.2010   © 2009, Genossenschaft Zeit-Fragen, www.zeit-fragen.ch, Tel.: +41 44 350 65 50, Fax: +41 44 350 65 51

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Ein Haus der Friedens  - eine Welt ohne Hunger und Krieg
Eine Kunstausstellung zeigt mögliche Wege

Kirche Balgrist Zürich – Offene Kirche für Kultur und Begegnung
Vom 22. Oktober 2009 bis 22. November 2009

Urs Knoblauch 35 Jahre Konzeptkunst GENAUER ERFASSEN
Malerei, Fotografie, Film, Texte, Objekte und Installationen

Im Zentrum der Ausstellung in der Kirche Balgrist steht das „Haus des Friedens“. Es ist eine Installation, eine Art „Favela-Hütte“ wie in Brasilien, mit vielfältigen thematischen Bezügen zu unserer gegenwärtigen Welt, Wirtschafts- und Sinnkrise. Dabei werden mögliche Wege, Lösungen und Alternativen aufzeigt. Das Haus ist im Entstehen, es ist mit verschiedenen Materialien gebaut, die bei uns weggeworfen werden. Die Konstruktion und Ausgestaltung des Hauses enthält viel wertvolle Substanz. Auf Wänden und Tischen sind vielfältige Texte, Bilder und Objekte zu sehen. Das Haus enthält Kunstwerke, kulturelle Schätze und menschliche Errungenschaften, die eine Welt ohne Hunger und Krieg, ein Zusammenleben in sozialer Gerechtigkeit für alle Menschen ermöglicht. Kirchliche und zivile Hilfswerke leisten hier Vorbildliches. Wissenschaftliche Grundlagen, die Anliegen der UNESCO, die christliche Sozialethik und die Befreiungstheologie sind dabei zentral. Der „Weltagrarbericht 2008“ (IAASTD) zeigt auf, wie Armut und Hunger verringert werden kann. Auch ein Garten mit den Bildern „Blumen des Friedens“, gesundem Gemüse und Objekte „Wasser für alle“ und „Nahrung für alle“ sind zu sehen. Es sind Bezüge zu heutigen Dorf-Landwirtschafts-Genossenschaften mit Selbstbestimmung und  alternativem Geld, wie sie beispielsweise in Latein- und Südamerika wieder aufgebaut werden. Es werden Bilder gezeigt, welche Einblick in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (Friedenslichter-Sklupturen), in das Rote Kreuz, IKRK und das „Humanitäre Völkerrecht“ ermöglichen. Persönlichkeiten wie Heinrich Pestalozzi, Henry Dunant oder Albert Schweitzer werden als Vorbilder vorgestellt. Beispielhaft wird auch das „Modell Schweiz“ (Direkte Demokratie und humanitäre Tradition) mit Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ und Meinrad Inglins „Schweizerspiegel“ in einer Installation präsentiert.
Die Bilder, Texte und Objekte des Künstlers sollen zum gemeinsamen Nachdenken anregen und Lösungen für eine bessere Welt aufzeigen. In die Ausstellung ist auch eine Veranstaltungsreihe zu den Themen, eine kleine Volkshochschule integriert. Das Nachdenken über die Bewältigung der Zukunft auf einer menschengerechten ethischen Basis ist heute das zentrale Thema. Gerade die Jugend ist sehr interessiert, sie kann einen wichtigen Beitrag zu diesen wichtigen Menschheitsfragen beisteuern. Führungen durch den Künstler mit Klassen sind erwünscht. So soll die Kunst-Installation im Kirchenraum zum Ort werden, von dem aus das „Haus der Friedens - eine Welt ohne Hunger und Krieg“ seine Wirksamkeit entfaltet.
                                                           Urs Knoblauch, im Sommer 2009

Vernissage: Donnerstag 22. Oktober 2009, 19.30 Uhr
Musik: Christian Cantieni, Einführung: Dr. Peter Küpfer

Einladung zu den Veranstaltungen zur Thematik der Ausstellung mit
Experten und dem Künstler

Diese Veranstaltungen sind Bestandteil der Ausstellung und der Kunst-Installation.
Es sind Beispiele der Entwicklungszusammenarbeit und der „Hilfe zur Selbsthilfe“. Gemeinsames Leitmotiv: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“
(Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, 1948)

Schulklassen, Gruppen und alle Interessierte sind herzlich eingeladen. (Eintritt frei, Kollekte für humanitäres Projekt)

Freitag, 23. Oktober 2009, 19.30 Uhr, Kirchgemeindesaal
Dokumentarfilm „Friedrich Traugott Wahlen - Anbauplan 1940-1945“ und Vortrag über den “Weltagrarbericht 2008 (IAASTD)“. Gemeinsames Motto: Unsere Verantwortung für den Hunger in der Welt und eine gesunde Ernährung für alle.

Dienstag, 27. Oktober 2009, 19.30 Uhr
Kurzfilm und Gespräch mit Experten: „Zum humanitären Wirken des Roten Kreuzes“

Dienstag, 3. November 2009, 19.30 Uhr
Kurzfilm über ein Hilfswerk der CARITAS und Gespräch mit Experten: „Der vorbildliche Beitrag der kirchlichen Hilfswerke im Kampf gegen die Armut “

Dienstag, 10. November 2009, 19.30 Uhr
Kurzfilm und Gespräch mit einem Experten: „Die Schweizerische Entwicklungsarbeit der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA)“

Dienstag 17. November 2009, 19.30 Uhr, in der Ausstellung
Kurzfilm und Bericht von Experten der HELVETAS: „Wasser und Hygiene für alle“

Finissage: Sonntag 22. November, 2009
Anschliessend an den Gottesdienst (9.30 Uhr)

Filmporträt: Urs Knoblauch – 35 Jahre Konzeptkunst GENAUER ERFASSEN von Axel Grunow

Öffnungszeiten der Ausstellung
Dienstag bis Freitag 10 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr
Samstag: 11 bis 15 Uhr Sonntag: 11 bis 12 Uhr

Führungen durch die Ausstellung mit dem Künstler
Für Schulen, Gruppen und Interessierte nach Absprache, auch ausserhalb der Öffnungszeiten.
Kontakt: Natel: 079/452 09 24, Email: urs.knoblauch@lgr.ch.
Informationen über den Künstler: www.kultur-und-frieden.ch

Kunstausstellung in der Galerie Gottfried Keller-Zentrum in Glattfelden vom 26. April bis 7. Mai 2009

siehe
"Die Blumen des Friedens weitergeben"


Zur ausgezeichnete Fotoausstellung „Drei Welten – Barnabas Bosshart, Brasilienbilder 1980-2005“ in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur

Von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen/TG

Noch bis zum 14. Oktober kann in den wunderschönen Ausstellungsräumen der Fotostiftung Schweiz die ausgezeichnete Fotoausstellung des 1947 in Herisau AR geborenen Schweizer Fotografen besucht werden. Zur Ausstellung wurde auch ein wunderschönes Fotobuch herausgeben, worin der Fotograf einführend die Absicht seiner beeindruckenden Arbeit festhält: „Ich widme dieses Buch und die Ausstellung den Canela-Apanyekra aus Zentral-Moarahao im Nordosten Brasiliens, einem der zahlreichen vergessenen Indianerstämme, die am Rande der brasilianischen Gesellschaft um ihr Überleben kämpfen.“ Der früher international sehr erfolgreiche Modefotograf, verliess die oberflächliche und kommerzialisierte Welt des „Modeglamours“ und entschloss sich einem wirklich menschlichen und kulturellen Anliegen zu widmen. Er reiste erstmals 1973 nach Nord, Zentral, - und Südamerika, studierte Filmwissenschft in London und lehrte Fotografie an einer Universität in Kanada. Die Nord-Ost-Küste Brasiliens besuchte er seither jedes Jahr und machte dabei auch einige Aufnahmen. 1980 liess er sich in Brasilien nieder. Hier entstanden zahlreiche Reisen und Fotoarbeiten. Besonders beeindruckend dabei ist, dass sich der Fotograf  jeweils bemühte längere Zeit mit den Einwohnern zusammenzuleben, ihre Probleme und Lebensauffassungen zu erkennen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Er war ergriffen von der „Magie dieses Ortes – von den Menschen und Dingen, die ich sehen und fühlen konnte, rund herum. Ich blieb zehn Monate lang und begann, kleine, abstrakte Aquarelle zu malen. Während dieser Zeit fotografierte ich sozusagen nicht, beobachtete aber genau aus Distanz, denn ich wollte die Einwohner mit meinem Fotoapparat nicht erschrecken. Ich fühlte mich als Eindringling und war mir der delikaten Position bewusst. Es war eine neue Welt für mich, anders als alles, was ich bis dahin erlebt hatte.“

Drei Welten in der Ausweglosigkeit der Globalisierung

Peter Pfrunder, der Leiter der Fotostiftung Schweiz hat zusammen mit dem Fotografen drei ganz verschiednen Themen für die Ausstellung und das Buch ausgewählt. Die erste Thematik zeigt Fotos die dem Untergang geweihte ehemaligen Kolonialstadt „Alcantara“. Sie zeigt den „Verlust von Identität in einer Zeit rascher Veränderungen – das ungewisse Schicksal, dem die Menschen ausgeliefert sind.“  Im zweiten Projekt „ Rio Exposto“ zeigt Barnabas Bosshart die unmenschlichen Lebensbedingungen in den Vorstädten von Rio de Janeiro, wo schon 1991 täglich durch die offene Gewalt 30 bis 40 Menschen durch Todesschwadrone und Banden aus der Unterwelt ermordet wurden. Dort entstanden 20’ 000 Negative. Auch der Fotograf wurde mehrmals bedroht: „Nach einem letzten Überfall auf mich und meinen brasilianischen Begleiter in den Favela-Manguinhos, als drei Maschinengewehre und zwei Revolver auf meinen Kopf zielten, brach ich das Projekt ab. Es war eine Warnung, nicht weiter zu fotografieren.“ In diesen lebensgefährlichen Ghettos existiert noch eine Art Apartheid-System, „über das wenig gesprochen wurde, der hässliche Schatten einer unverdauten Kolonialzeit“ schreibt der Fotograf.   Im dritten grossen Projekt „Canela-Apanyekra“, welches 2005 abgeschlossen wurde, widmet sich der Fotograf den Nachfahren der ursprünglichen Bewohner Brasiliens, den „kaum erforschten Welt der Canela-Apanyekra-Indianer im Bundesstaat Maranhao“. Hier ging es ihm weniger um eine ethnografische Annäherung als viel mehr um eine subjektive Begegnung mit einer dem Westen völlig fremden Welt. „Bossharts Fotografien erzählen vom Stolz und von der ungebrochnen Vitalität einer kleinen, isolierten Schicksalsgemeinschaft.“ Die vom Zauber des Moments ausstrahlenden Aufnahmen zeigen auch, so Peter Pfrunder „den Reichtum einer Kultur, welche von den letzten 800 Mitgliedern eines einst grossen Volkes in unsere Tage hinübergerettet wurde.“ Der Fotograf konnte an diesem überschaubaren Volksstamm sein wichtiges Anliegen verwirklichen: Ich wollte „in die Tiefe arbeiten, statt nur oberflächliche Phänomene zu erhaschen.“

Fotografie und soziale Verantwortung

Peter Pfunder schreibt zusammenfassend: „Gemeinsam ist den drei Brasilien-Projekten, dass sie Gesellschaften in extremen Situationen, in Zeiten der Gefährdung zeigen. So werden sie zu Sinnbildern für die Fragilität des sozialen Zusammenhalts und für die Ausweglosigkeit der Globalisierung.“  Die verdienstvolle Arbeit dieses Fotografen und die Initiative der Fotostiftung wurde grosszügig von der Volkart Stiftung Winterthur und der Kulturstiftung des Kantons Thurgau unterstützt. Erfreulich ist auch, dass der Fotograf sein gesamtes Fotoarchiv der Fotostiftung Schweiz übergeben hat und so sichergestellt wird, dass diese Dokumente auch künftigen Generationen zugänglich bleiben. Die Auseinandersetzung mit diesen gesellschaftlichen und kulturellen Fragen ist eine Verpflichtung. Jean Ziegler hat mit seinem Buch „Imperium der Schande“ auf das durch die extrem profitorientierte Globalisierung bewirkte Ernährungs-Elend in diesen Ländern der Welt hingewiesen. Dass sich der Präsident von Brasilien für diese Indianerstämme einsetzen möchte, ist eine Hoffnung. Der zunehmende Widerstand der betroffenen Länder aus Latein- und Südamerika, gegen die grausame Ausbeutung und kaltblütige Globalisierung und ihr Anknüpfen an ihrer eigenen Tradition und der Schaffung von mehr sozialer Gerechtigkeit, sollte den Westen nicht nur nachdenklich stimmen, sondern auch zu konkreten und grosszügigen Taten führen. Dass dies bereits seit Jahren von den beiden Landeskirchen, zahlreichen Hilfsorganisationen und Einzelinitiativen geleistet wird, muss hier erwähnt und gewürdigt werden. Der eindrückliche Fotograf und die Fotoausstellung zeigen, dass der Künstler eine Verantwortung trägt, sie auch wahrnehmen kann und so zu mehr Gerechtigkeit und mehr Frieden in der Welt beizutragen kann. Ein Ausflug in die Kunststadt Winterthur ist lohnend, auch für den Besuch der zahlreichen Kunstsammlungen und der gleichzeitig zu sehenden hervorragende Fotoausstellung  „NeoRealismo – Die neue Fotografie in Italien 1932-1960“ im Fotomuseum Winterthur.

Weitere Informationen und Bilder:
www.fotostiftung.ch und www.fotomuseum.ch





Die Enstehung des Roten Kreuzes fällt in die Pionierzeit der Fotografie. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass das IKRK 110.000 Bilddokumente zur Geschichte des Roten Kreuzes, seit seinem Ursprung im Jahre 1859 mit der Schlacht bei Solferino bis heute, gesammelt hat.
Mit der Auswahl der 88 Bilder für die Ausstellung wird der Besucher durch das humanitäre Wirken des IKRK geführt: Hilfe für Verwundete, Schutz der Kriegsgefangenen, Zusammenführung zerstreuter Familien und Unterstützung der Zivilbevölkerung. Jedes Foto erzählt eine Geschichte und verweist auf einen Ort auf der Welt, wo Kriegselend und Not herrscht. Das Besondere der Fotografien ist ihr mitmenschlicher Ausdruck. Sie lösen Mitgefühl und Anteilnahme aus.
"Nüchtern in Zeit in Raum gestellt, sprechen die Bilder von Kriegen, Leiden und Ruinen. Aber auch von Trost und mitmenschlicher Zuwendung."
Diese Ausstellung führt auch die Bedeutung des Humanitären Völkerrechts vor Augen, für welches sich die Schweiz vorbildlich einsetzt. Hier wird Kultur und Frieden exemplarisch gelebt.

www.micr.org/index_d.html

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Vom 16. Juni bis 23. September 2007 kann in Kassel die traditionsreiche internationale Kunstausstellung besucht werden. Der ausgezeichnete Katalog ermöglicht eine gute Einführung. Es ist sehr verdienstvoll, dass der künstlerische Leiter Roger M. Buergel und die Kuratorin Ruth Noack, anstelle postmoderner Beliebigkeit eine notwendige inhaltliche und ethische Neuorientierung durch kulturelle Beiträge aus den verschiedensten Weltregionen vorstellen. Diese Entwicklung zeigt sich an vielen internationalen Ausstellungen. Völkerrechtswidrige Kriege und soziales Elend ist in vielen Ländern der Welt und für den grössten Teil der Menschen die tägliche Realität. So haben über die Hälfte der ausstellenden Künstlerinnen und Künstler ihre Verantwortung wahrgenommen und Kunstwerke geschaffen, die zum Nachdenken anregen, wie diese unerträgliche Situation verbessert werden kann. In vorbildlicher Weise wurden die Ausstellung und der Katalog mit Kunstschätzen von der kulturellen Wiege unserer Zivilisation eingeleitet. So sind im Schloss auf der Wilhelmshöhe Kostbarkeiten aus Persien und aus anderen frühen Kulturkreisen und Schlüsselwerke bis ins 19. Jahrhundert ausgestellt. Eine wunderschöne persische Kalligrafie gibt Einblick in die Hochblüte dieser Kulturregion, ohne die unsere europäische Zivilisation undenkbar wäre. Im Katalog lesen wir dazu: „Der bekannte persische Kalligraf Haddschi Maqsud, Neffe des Maftulband, arbeitete lange in Tabriz, der alten Hauptstadt Irans aus mongolischer und früher safawidischer Zeit. Mehrere seiner Werke sind erhalten, datiert seit 1521, der Blütezeit der höfischen safawidischen Kunst.“ Diese würdige Präsentation von Weltkulturerbe ermöglichen dem Besucher der „documenta“ Bezüge zur Gegenwart herzustellen. 2003 wurden im Irak-Krieg gezielt jahrtausend alte Kulturschätze aus Babylon und Mesopotamien, archäologische Ausgrabungen und unersetzbare Schriften und Dokumente von Bibliotheken von der amerikanischen Kriegsallianz geplündert und mit Bombardierung zerstört, obwohl die Genfer Völkerrechtskonventionen, den Schutz von Kultur, Infrastruktur und Zivilbevölkerung allen Ländern auferlegt hat. Diese Kriegsverbrechen werden bis heute, nicht nur im Irak, auch im Nahen Osten, in Afghanistan und anderen Orten begangen. Die Weltöffentlichkeit, die Zivilbevölkerung, besonders die Regierungen der europäischen Länder, die UNO und auch Kulturschaffenden sind hier zur Verantwortung aufgerufen, endlich dieses Morden zu beenden. Viele Kunstwerke thematisieren auch die soziale Misere in vielen Ländern, verursacht durch die rücksichtslose wirtschaftliche Gewinnmaximierung und Globalisierung. Der Besucher stellt sich beim Betrachten der Werke spontan und gefühlsmässig an die Seite der Armen und erweitert seinen Blick für die dringenden Aufgaben auf diesem Globus. Aus dieser aktuellen ethischen und politischen Perspektive werden die zahlreichen Kunstwerke, Installationen und Filme von über 60 Künstlerinnen und Künstlern aus Afrika, Lateinamerika und aus aller Welt in ihren Ästhetik und oft komplexen und nicht leicht zugänglichen Werken besser verständlich. So können Kunstwerke zum Mitleben mit der Welt, zu mehr Gerechtigkeit und zur Neuorientierung von Kultur und Frieden beitragen.

www.documenta12.de

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Nachbau und Ausstellung eines beschlagnahmten Mahnmals gegen den Irak-Krieg in der „Tate Britain“ in London - Einsatz für die bürgerlichen Freiheitsrechte

Der bekannte britische Künstler Mark Wallinger rekonstruierte akribisch genau und mit grossem Aufwand und Unterstützung von Künstlerfreunden, das am 23. Mai 2006 von der Polizei beschlagnahmte 40 Meter lange Antikriegscamp des Friedensaktivisten  Brian Haw. Dieser campierte während fünf Jahren auf dem Londoner Parliament Square und protestierte mit einer beeindruckenden Antikriegs-Installation mit über 600 inhaltsvollen gemalten Transparenten, Texten, Objekten,  blutbespritzten Puppen gegen die völkerrechtswidrige Kriegspolitik und die Kriegsverbrechen von Tony Blair. Mit den Puppen und Teddybärs verwies Haw auf die unzähligen täglichen Kindermorde im Irak und die Zerstörung der Spitäler, Schulen und der zivilen Infrastruktur. Auch ein zeltartiger Unterschlupf für den Friedenskämpfer und eine Tee-Kochnische waren in der Installation integriert. Nachdem ihm, im Namen des scharfen „Serious Organised Crime and Police Act“ verboten wurde weiter zu demonstrieren, wurde sein riesiges Mahnmal gegen den Krieg von der Polizei beschlagnahmt. Dies entsetzte breite Kreise der Öffentlichkeit und der britische Künstler Mark Wallinger entschloss sich diese Antikriegs-Installation nachzubauen und im Museum, in der renommierten Tate Britain, auszustellen und so der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Dies wurde im Rahmen eines  Ausstellungsprojekts mit dem Thema „Gedenk-Installationen“ möglich, wo bereits berühme Künstler wie Richard Long, Richard Serra und Luciano Fabro beteiligt waren. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, den Friedenskämpfer für das Projekt zu überzeugen, konnte der Künstler sein Werk ausführen. Die nachgebaute Installation wurde im und vor dem Museum gezeigt, wurde viel beachtet und ergab die dringend nötige breite Diskussion. Die Kriegswirtschaft, die Kriegpolitik und die alarmierende Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten durch neue „Anti-Terrorgesetze“ sind nicht nur in England und Amerika zu beobachten, sondern auch in anderen europäischen Ländern. In Frankreich sollen demnächst 3 Millionen Überwachungskameras montiert werden! Die Erosion der bürgerlichen Freiheitsrechte beschäftigt den Künstler seit langem.  Mit seiner vorbildlichen künstlerischen und politischen Aktion hat Mark Wallinger auch einen wichtigen Beitrag zum sofortigen Stopp des Kriegswahnsinns geleistet. Der Turner-Preis-Nominierte Mark Wallinger, 1959 in Chigwell geboren studierte an der Chelsea School of Art und am Goldsmiths’ College in London. Er vertrat Grossbritannien auch an der 49. Biennale von Venedig 2001 und setzt sich seit den 80er Jahren für die Bewusstmachung der Bevölkerung für die Freiheitsrechte und die entsetzliche Kriegspolitik seines Landes ein. Kultur und Frieden verbinden sich hiermit zu einer vorbildlichen gelebten politischen, ethischen und ästhetischen Einheit. Ein Vorbild für Künstler, für die Zivilgesellschaft und für die junge Generation!

Weitere Informationen und Abbildungen unter: http://www.tate.org.uk/britain/exhibitions/wallinger/

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Zur gegenseitigen Wertschätzung der Kulturen als Grundlage des menschlichen Zusammenlebens

Rückblick auf die Ausstellungen und Publikationen «Venedig und der Islam» und «52. Biennale» in Venedig, 2007

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Schweiz

Nach Paris und New York war die grosse und vielbesuchte Ausstellung «Venedig und der Islam» in Venedig zu sehen. Die von Stefano Carboni kuratierte Schau wurde durch eine Kooperation mit dem Institut du Monde Arabe in Paris, dem Metropolitan Museum of Art, New York, und der Musei Civici Veneziani möglich. Das umfangreiche Katalogbuch dokumentiert mit viel Bildmaterial den heutigen Forschungsstand zu dieser wichtigen Thematik.
Venedig ist mit seinen Lagunen ein einzigartiges Gesamtkunstwerk und seit 1987 auch ein Unesco-Weltkulturerbe. Der Palazzo Ducale, der Dogenpalast mit seinen vielfältigen Bezügen zum Orient, zur Stadt- und Kirchengeschichte, war der ideale Ort für diese Ausstellung. Viele Palazzi der zauberhaften Lagunenstadt zeigen neben den Stilmerkmalen der Renaissance und des Barocks den starken Einfluss des Orients. Besonders schön kommt dies bei der Basilika San Marco mit den prachtvollen Mosaikbildern, den Kuppeln und der reichen Ornamentik zum Ausdruck. Schon hier werden die Themen und Bilder der Ausstellung gut sichtbar. Viele zeigen die respektvolle und würdevolle Begegnung der Menschen aus Orient und Okzident, aus der christlichen und der muslimischen Kultur. Die verschiedenen Kulturen werden in einer respektvollen und feierlichen Begegnung dargestellt und leiten so auf gelungene Weise in die Thematik der Ausstellung ein. Dass die Ausstellung das Gewicht auf das Verbindende unter den Menschen und die gegenseitige Wertschätzung der Kulturen legt, ist gerade das, was unsere gegenwärtige Welt dringend benötigt.

Venedig als interkulturelle Hafenstadt

Die Ausstellung zeigt Kunstwerke dieser kulturellen Begegnung im komplexen historischen Rahmen der Zeit von 828 bis 1797, einer Zeit, die auch von Kriegen, Sklaverei und Kolonialismus gekennzeichnet war. Viel stärker aber waren zwischen Venedig und dem Islam der gegenseitige Respekt und der fruchtbare Austausch von kulturellen Gütern, Kunst und Wissenschaft. Bereits im 9. Jahrhundert entstanden Handelsbeziehungen mit Syrien, Ägypten und Nordafrika. Die Meereszugänge und Hafenverbindungen waren für die Herrscher in Venedig entscheidend. Damit wurde die Abwicklung des Handels, der Verkauf von Gewürzen, vor allem Pfeffer, sowie von Seide, Purpur, Baumwolle und Alaun gesichert. Die Lagunenstadt war ganz abhängig von der Einfuhr von Rohstoffen und Nahrungsmitteln.
Zwischen dem 9. und dem 11. Jahrhundert entwickelte sich eine reiche Handelstätigkeit entlang dem Seeweg im Mittelmeerraum. Venedig errichtete Handelshäuser in Jerusalem, Alexandrien, Akko, Beirut, Aleppo, Damaskus, Kairo. So entwickelten sich die Handelsbeziehungen zwischen den Venezianern und der muslimischen Welt entlang der «Gewürzroute» und der «Seidenstrasse». Venedig erwarb sich immer mehr Unabhängigkeit und Autonomie. Neben den Handelsvorteilen entstand durch diese Begegnungen auch eine gegenseitige Wertschätzung. Man lernte voneinander, und viele Ideen, Wissen, Kultur und Aspekte des Lebensstils wurden übernommen. Viele Venezianer – nicht nur Kaufleute, auch Politiker und Gelehrte des späten Mittelalters und der Renaissance – sprachen arabisch.
Die Ausstellung «Venedig und der Islam» beinhaltet Werke, welche diese Begegnung mit den Arabern, den Mamelucken, den Persern, den Osmanen und den Türken dokumentieren. So zeigt beispielsweise ein Porträt von Tizian den Dogen Andrea Gritti, welcher fliessend türkisch sprach und als angesehener Vermittler zwischen den beiden Kulturen galt. Venedig war auch die einzige europäische Macht, welche Gesandte mit festem Sitz in den Städten des Nahen Orients hatte. Das Plakat der Ausstellung zeigt das berühmte Porträt des Sultans Mohamed II von Istanbul und das des Dogen Giovanni Mocenigo des berühmten Malers Gentile Bellini (1479–1481). Dass sich der Sultan von einem christlichen Maler porträtieren liess, zeigt das gute Verhältnis. Die Dogen haben sich nie, im Unterschied zu vielen anderen im katholischen Europa, als Herren gegenüber dem Islam aufgespielt. Die Handelsabkommen zwischen dem Dogen, dem Sultan und Gesandten wurden im Rahmen von offiziellen Empfängen mit strengem Zeremoniell geschlossen. Dabei wurden kunsthandwerkliche Geschenke ausgetauscht, die den gegenseitigen künstlerischen Stil befruchteten. So lernten sie auch ihre philosophischen und wissenschaftlichen Traditionen zu schätzen und knüpften gute Verbindungen zu den grossen moslemischen Dynastien und zu den Venezianern. «Ebenso wie sich Venedig der islamischen Kultur mit Respekt und mit Bewunderung annäherte, so erfuhr es im Gegenzug wechselseitiges Interesse. Schliesslich erlernten einerseits venezianische Künstler und Handwerker orientalische Techniken, Stile und Verzierungen, während anderseits orientalische Händler Objekte venezianischer Manufakturen importierten, welche von den Sultanen geschätzt und in Auftrag gegeben wurden.»

Beeindruckende künstlerische Schöpferkraft

In der Ausstellung und im reich illustrierten Katalogbuch werden die wichtigen Themen des interkulturellen Wechselspiels chronologisch dargestellt. Eingeleitet wird die Schau mit der legendären Überführung der Gebeine des heiligen Markus aus Alexandrien in Ägypten nach Venedig, welche die tiefen wechselseitigen Beziehungen zwischen Venedig und der orientalischen Welt zeigen. Dieses Ereignis bot dem Dogen die Möglichkeit einer triumphalen Ehrerbietung und den Bau der Markus-Basilika, wo die Gebeine ihre Ruhestätte finden sollten. Der Evangelist Markus war für Venedig direkter Zeuge des göttlichen Wortes und Vorbild für die venezianische Unabhängigkeit. Die Ausstellung endet mit dem Untergang der Serenissima, der Republik Venedig im Jahre 1797.
Besonders fruchtbar war der Austausch der Kulturen zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert, und aus dieser Epoche ist ein Grossteil der zweihundert Exponate zu sehen. Dabei werden dem Besucher neben Bildern aus berühmten Malerateliers, wie denen von Bellini, Tizian oder Veronese, auch zauberhafte kunsthandwerkliche Objekte, Schriftdokumente und die naturwissenschaftlichen Schätze des Orients von der Kartographie bis zur Medizin vor Augen geführt. Die Ausstellungsobjekte und Abbildungen im Katalog zeigen die Glasbläserkunst, die vom Orient nach Venedig kam, sich hier zur grossen Blüte entwickelte und wiederum in Form von Aufträgen osmanischer Sultane von Venedig in den Orient gelangte. Auch Seide, Samt und Teppiche sind mit ihrer zauberhaften Ornamentik und kunsthandwerklichen Technik zu bewundern. Die Metallarbeiten aus Damaskus und Kairo mit reichen Silber- und Goldintarsien verziert, zeigen die wechselseitige Beeinflussung der kulturellen Stile.
Auch die prachtvollen Objekte in Lacktechnik und die zierlichen, reich verzierten Porzellangefässe hatten ihren Ursprung im Fernen Osten und fanden später ihre Anwendung in der islamischen Welt. Für die Lacktechnik wurden in Venedig spezielle Harze, Pigmente und Farbstoffe aus der Türkei oder Iran eingeführt, und über Jahrhunderte wurde im wechselseitigen Austausch eine eigene Porzellanmanufaktur aufgebaut.
Besonders eindrücklich wurde das «Goldene Zeitalter der arabischen Wissenschaften» dargestellt. Von der Mathematik zur Astronomie, von der Chemie bis zur Medizin sind hier die Wurzeln unserer Wissenschaften. So ist beispielsweise «Algebra» ein arabisches Wort, und die arabischen Zahlen verwenden wir bis heute. Die typisch griechische Klassifikation der Wissenschaften stammt ebenso aus dem Orient. Viele grosse arabisch-islamische Denker waren gleichzeitig als Wissenschafter tätig, und deren Beitrag zur Blüte der Kultur und Wissenschaft im christlichen Okzident kann nicht genug gewürdigt werden. So waren es die Venezianer, welche die erste gedruckte Ausgabe des Korans im Jahre 1537 publizierten, es waren die Venezianer, die die astronomischen Werke von Ptolemäus druckten und das medizinische Kompendium von Avicenna verbreiteten.

Menschenwürde, Respekt vor den Kulturen und gerechter Handel

Die Ausstellung regt zum Nachdenken über die Gegenwart an. Der über Jahrtausende dauernde kulturelle Zivilisationsprozess und Weg zu einem gleichwertigen humanen Zusammenleben erlitt immer wieder gewaltige Rückschläge, die durch das gewaltsame Überschreiten kultureller und menschlicher Normen verursacht wurden und unsagbares Leid über viele Menschen und Völker brachte. Mit dem kulturellen Reichtum des Orients, der Antike und der mehr auf das Vernunftsdenken mit moralischen Normen ausgerichteten Renaissance, der Aufklärung und der Kirchenentwicklung errangen die Völker dieser Erde mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vor 60 Jahren schliesslich eine gemeinsame ethische Zielsetzung, welche der Anthropologie und der Natur des Menschen entspricht. Diese Rechte und Werte sind gültig und müssen durchgesetzt werden. Der Ausstellung «Islam und Venedig» kommt, gerade in der heutigen Zeit, in der der Gegensatz zwischen Islam und Abendland propagandistisch hochgespielt wird, das grosse Verdienst zu, das menschlich Verbindende der Kulturen hervorzuheben.
Dass diese Ausstellung während der 52. Internationalen Kunstausstellung der «Biennale von Venedig» zu sehen war, verlieh ihr noch zusätzliche Aktualität. Denn das Thema der Biennale mit internationaler Gegenwartskunst stand unter dem Motto «Denken mit Gefühl – Gefühl mit Denken» und verband sich so bestens mit diesen anthropologischen Grundlagen, dem Kulturaustausch zwischen dem Orient und Venedig und der Gegenwart. Auch der Ort der Ausstellung, die «Arsenale» – die historische Hafenanlage mit den Galeeren und Lagerhäusern – stellte Bezüge zur Ausstellung «Venedig und der Islam» her.
Viele internationale Kulturbeiträge waren hier dem heutigen Kriegselend und der sich immer weiter öffnenden Schere zwischen arm und reich gewidmet. Gerade die Entwicklungsländer in Lateinamerika und Afrika sowie Länder, die vom Krieg geplagt sind, trugen die wertvollsten Kunstwerke bei. Auch viele europäische Länder und Künstler zeigten kritische Werke: An der Ausstellung fanden postmoderne Beliebigkeit und dekadente Luxuskonsumwelt keinen Platz. So konnten die Besucher der Ausstellung die Kultur des Orients an einzigartigen Ausstellungsobjekten bewundern und anhand von Gegenwartskunstwerken über das heutige Kriegs- und Armutselend vielfältige Bezüge herstellen. Denn gerade im Orient, in Afghanistan, im Nahen Osten und im Irak, der kulturellen Wiege der Menschheit und Zivilisation, führen die Kriegsmächte mit ihrer Kriegsindustrie grausame völkerrechtswidrige Kriege, ein Verbrechen an der Menschheit und Kultur. Deshalb steht heute die Verpflichtung und der politische Wille zur Beendigung der Kriege im Zentrum. Niemand hat das Recht, über ein anderes Land und seine Kultur zu bestimmen, es zu besetzen und auszurauben. Vielmehr regen diese Kunstwerke und die Ausstellung dazu an, wieder zivilisiert und auf rechtsstaatlichem Boden Handel zu betreiben, eine menschliche Produktionsweise und gerechte Güterverteilung zwischen Morgen- und Abendland und auf dem ganzen Globus zu fordern.
Beide Ausstellungen zeigen uns allen die gegenseitige Wertschätzung der Kulturen und die gemeinsamen anthropologischen Grundlagen aller Menschen: In Gleichwertigkeit, Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit zu leben.

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«Wir sind alle gleich, wir sind eine Menschheitsfamilie»

Zur Edward-Steichen-Ausstellung und «The Family of Man» in Lausanne – anlässlich 60 Jahre «Allgemeine Erklärung der Menschenrechte»

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Schweiz

Noch bis zum 24. März 2008 kann im Fotomuseum Lausanne eine einzigartige Fotoausstellung des weltberühmten Fotografen Edward Steichen (1879–1973), dem Schöpfer der legendären Fotoausstellung «The Family of Man», besucht werden. 2008 ist auch das 60-Jahr-Jubiläum der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (Uno) und fügt sich gut in dieses Thema ein. Zur Ausstellung ist ein prachtvolles Katalogbuch erschienen. Die Ausstellung «Edward Steichen – Ein Leben für die Fotografie» wurde vom Musée de l’Elysée und von der «Fondation for the Exhibition of Photography Minneapolis» unter der Leitung von William A. Ewing, Todd Brandow und Nathalie Herschhofer realisiert und wird anschliessend in Italien, Spanien, Deutschland, Kanada und in Amerika gezeigt.

Die Menschheit – eine Familie

Alle Aufnahmen Steichens geben Einblicke in seine mitmenschliche Haltung, und auch in seinen Kriegsreportagen wird seine Solidarität mit den Betroffenen deutlich. Besonders verdienstvoll ist die Realisierung einer virtuellen Rekonstruktion der Ausstellung «The Family of Man», welche in die Ausstellung integriert wurde. Sie wurde realisiert von Studentinnen und Studenten der «Sciences Humaines et Sociales» an der «Ecole Polytechnique Fédérale de Laussanne» unter Leitung von Olivier Lugon. Die weltumspannende Fotoausstellung von 1955 «The Family of Man» steht in einem Zusammenhang mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und der Uno. Edward Steichen wollte mit Fotografien in einer allgemeinverständlichen Bildsprache und ohne Texte die Botschaft der Menschenrechte in aller Welt verbreiten.

60 Jahre Menschenrechtserklärung

Gerade in diesem Jahr, dem 60. Jubiläumsjahr der Erklärung der Menschenrechte (1948) und in Zeiten zahlreicher völkerrechtswidriger Kriege, erhält das Anliegen von Steichen besondere Bedeutung. Aus der Präambel sollen hier einige Grundsätze wiedergegeben werden: «Da die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräusserlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet, da Verkennung und Missachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei führten, die das Gewissen der Menschheit tief verletzt haben, und da die Schaffung einer Welt, in der den Menschen, frei von Furcht und Not, Rede- und Glaubensfreiheit zuteil wird, als das höchste Bestreben der Menschheit verkündet worden ist […], verkündet die Generalversammlung die vorliegende Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal …» Im weiteren wird betont, sich zu bemühen, «durch Unterricht und Erziehung die Achtung dieser Rechte und Freiheiten zu fördern». Auch der 1. Artikel soll hier wiedergegeben werden, der das Menschenbild und die Ethik zusammenfasst und auch als Leitmotiv von «Family of Man» gelten kann: «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.»

«Ich bin da, ich gehöre zu euch, ich bin Teil eurer Familie»

Im Zusammenhang mit den Menschenrechten und Edward Steichens «Family of Man» soll hier eine bedeutende Kindheitserinnerung Steichens wiedergegeben werden. Sie hat bis heute für alle Menschen und Erzieher entscheidende Bedeutung: Eines Tages, als seine Mutter beim Bedienen einer Kundin war, kam ihr kleiner Sohn Edward nach dem Spielen von der Strasse nach Hause. Im Moment, als er durch die Türe eintrat, wendete er sich unvermittelt um und rief einem Kind, welches draussen auf der Strasse war, «schmutziger kleiner Jude» zu. Frau Steichen hörte dies und entschuldigte sich sofort bei ihrem Kunden und schloss das Geschäft, um mit ihrem kleinen Sohn zu sprechen. Sie erklärte ihm deutlich, dass solche Schimpfwörter wie «Youpin» Fluchwörter sind, um jemandem zu sagen, er sei minderwertig, und dass damit auch ganze Gruppen von Menschen missachtet würden. Sie sagte ihm, dass das eine furchtbare Sache sei, so zu sprechen und Menschen zu beleidigen. Sie erklärte ihm, dass alle Menschen von Grund auf gleich sind und dass sie alle ein Recht auf Respekt hätten. Sie verlangte von ihrem kleinen Sohn, dass er niemals mehr solche Schimpfwörter gebrauchen dürfe und niemals mehr Menschen anderer Religionen, Rassen und Nationalitäten minderwertiger als seine eigene betrachten darf. Edward Steichen erzählte dieses Schlüsselerlebnis bei vielen Gelegenheiten, auch im Film von Claude Waringo, und erinnert sich, dass diese Lektion seiner Mutter ihm mit Leidenschaft erteilt wurde und er sie immer behalten habe, was schliesslich zur Ausstellung «The Family of Man» führte.

The «Family of Man»

Steichens Anliegen dabei war es, dass die Fotografien «dem Menschen den Menschen erklären und ihm zur Selbsterkenntnis verhelfen» sollen. So suchte er auf der ganzen Welt aus Tausenden Fotografien 503 Aufnahmen von 273 Fotografen aus 68 Ländern aus, die er zu den wichtigen Themen des menschlichen Lebens gestaltete. «Fast drei Jahre lang», schreibt Steichen, «haben wir nach diesen Bildern gesucht. Über zwei Millionen Fotos sind von allen Enden der Erde zu uns gekommen. […] Die Ausstellung ‹Family of Man› wurde erschaffen in einem leidenschaftlichen Ethos, im Glauben an Liebe und Vertrauen zum Menschen, […] als Spiegel der universellen Elemente – und Gefühlen des menschlichen Alltagslebens – als Spiegel der grundlegenden Gemeinsamkeiten aller Menschen auf der Welt.» Bei der Eröffnung 1955 war Steichen schon 76 Jahre alt und während 1947–1962 Direktor der Fotografieabteilung des Museum of Modern Art in New York. Die Wanderausstellung «The Family of Man» wurde von 9 Millionen Menschen in 69 Ländern besucht. Der wunderschöne Katalog ist in einem Neudruck erhältlich und erreichte eine Auflage von über 5 Millionen Exemplaren.

Einblicke in die Fotografiegeschichte

Grosse Bedeutung hatten für Steichen die Schrecken der beiden Weltkriege und der Abwurf von Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki 1945. Obwohl er als leitender Fotograf im Militärdienst viele Flugaufnahmen machte, leistete er mit verschiedenen dokumentarischen Ausstellungen über den Krieg Aufklärungsarbeit. Seine Überzeugung wuchs in ihm, dass Fotografie dem Menschen und der Wahrheit dient und immer der Menschenwürde verpflichtet ist. Die grosse Wirkung von guten Fotografien, welche das Mitgefühl und die Verbundenheit aller Menschen wecken kann, setzte Edward Steichen bei «The Family of Man» und vielen anderen Ausstellungen um. Dank seiner zutiefst human gesinnten Persönlichkeit und seiner Fachkompetenz wurde es sein Anliegen, die Menschheit in ihrer Menschenwürde über alle Kulturen, Religionen und Unterschiede hinweg als «eine Familie» zu zeigen. Steichen und vielen Fotografen ist es immer wieder gelungen, mit ihren Aufnahmen mitmenschliche Anteilnahme und Verbundenheit unter den Menschen zu fördern. Besonders nach den unvorstellbaren Schrecken zweier Weltkriege trugen engagierte Fotografen mit ihrem Werk zur Verständigung unter den Menschen verschiedenster Kulturen, Religionen und Nationen bei.

Auskunft zur Ausstellung in Lausanne:
Tel. +41 21 316 99 11, www.elysee.ch
Die Fotoausstellung «The Family of Man» ist im Schloss von Clervaux in Luxemburg zu besichtigen.

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Vorbildliche Solidarität mit den Opfern von Tschernobyl

Zu einer eindrücklichen Publikation und Kunstausstellung

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen TG

Es ist eine grosse Freude, wenn sich Künstler mit ihren Werken gegen Unrecht und für das Wohl der Menschen in aller Welt einsetzen. Besonders nötig haben diese Solidarität die geschädigten und kranken Kinder und Familien in Tschernobyl, 20 Jahre nach dem entsetzlichen Atomreaktorunfall. Sie alle sind immer noch weitgehend im Stich gelassen von der dringend nötigen medizinischen, materiellen und menschlichen Hilfe. Internationale Kongresse und Berichte in den Medien haben zu Recht die Aufmerksamkeit auf diese von Macht- und Finanzinteressen, Lügen und Beschwichtigungsmanöver überschattete Katastrophe gerichtet. Tatsache ist, dass unzählige Menschen tödliche Strahlenschäden und heimtückische Krankheiten mit Langzeitwirkungen erlitten haben sowie ganze Landstriche auf Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte verseucht und für die lebensnotwendige Landwirtschaft unbrauchbar wurde. Die wenigen Gelder werden nicht in die dringend nötige Krankheitsfürsorge und den Aufbau von Spitälern, Schulen und Infrastruktur gelenkt, sondern für propagandistische Zwecke und sinnlose Projekte missbraucht, immense Summen werden jedoch in das Atomreaktorgeschäft investiert. Jedermann weiss heute, dass neben den Gefahren der Atomreaktoren wie in Tschernobyl, auch die Problematik mit den sog. Abfällen und «Endlagerung» ungelöst ist und diese radioaktiven Substanzen zusätzlich noch als uranabgereicherte Munition verbrecherisch für die Kriegsindustrie benutzt und auch finanziell ausgebeutet werden. Dieses nukleare Desaster beinhaltet ein unvorstellbares Verbrechen an der Menschheit und kann nur in internationaler Kooperation endgültig beendet werden. In vorbildlicher Weise finden sich in aller Welt Menschen und Gruppen die dieses Ziel verfolgen und auch den betroffenen Opfern Hilfe zukommen lassen.

Bilder und Initiativen gegen den Atomwahnsinn

Zusammen mit sozial engagierte Mediziner und Wissenschaftler haben sich auch einige Kunstmaler und über 120 Gruppen in Italien zusammengefunden und sofort die Hilfe für Tschernobyl aufgebaut. So setzt sich die italienische Initiative «Legambiente Solidarietà» mit ambulanter mobiler medizinischer Hilfe, mit nicht kontaminierter Nahrung, Früchtelieferungen und Vitaminen vor Ort für die kranken Kinder und Erwachsenen in Tschernobyl ein. Am 26. April wird auch eine Manifestation «20 Jahre nach Tschernobyl» in Italien stattfinden. Auch die Organisation «Help» beteiligt sich an den Hilfsaktionen. Mit der Ausstellung und dem Katalog «The paintings that enjoy our confidence», der in drei Sprachen (Russisch, Italienisch und Englisch) abgefasst wird Einblick in diese Arbeit gegeben. Zusammen mit «Legambiente» setzte sich der Künstler Paolo Cimoni, 1945 in der Toskana geboren, als Maler mit dem Elend der Betroffenen auseinander und malte eindrückliche Bilder. Er besuchte mehrfach die betroffene Republik Belarus. Diese eindrückliche Solidarität von Cimoni führte zur Verbindung mit seinen russischen Malerkollegen. In den Werken wird der anteilnehmende und mitleidende Geist des «guten Samariters» spürbar. Cimoni stellt die zerstörten Häuser und das Elend der dortigen Minenarbeiter dar.
So zeigen die Werke von Mikhail A. Savickij, (1922) aus der Republik Belarus, realistisch und teilweise mit religiöser Symbolik  eindrucksvoll diese mitmenschliche Anteilnahme. Auch Viktor S. Smatov (1936), Maler und Kunstkritiker aus der Republik Belarus gestaltet einfühlsame Bilder mit fotografischer Exaktheit, die Armut und das trostlose Leben der Menschen in der ausgestorbene, zerstörten ländlichen Umgebung von Tschernobyl. Der Maler stellt die einzelnen Menschen mit unerschütterlichem Würdegefühl und Hoffnung dar. Die Bilder tragen beim Betrachter zur Entwicklung von Mitgefühl und Anteilnahme bei.
Auch die 1933 geborene bekannte Künstlerin Ninel I. Scastnaja (1933) aus der Republik Belarus zeigt mit einer eindrücklichen Symbolik den Schmerz und die Hoffnung der gepeinigten Menschen.
Victor K. Barabancev, 1947 in Gomel geboren zeigt Darstellungen des Bauernlebens, religiös inspirierte Themen und eine aktualisierte «Madonna von Tschernobyl», wobei Mutter und Kind mit Atomschutzmasken abgebildet wurden.
Diese Thematik wird auch in eindrücklichen, modern und figurativen Bildern von Vladimir V. Kozuch (1953) aufgegriffen.
Alle diese Werke führen uns eine kaum zu ermessende Tragödie vor Augen und erinnern uns an die Verpflichtung, menschliches Leid zu lindern und neues Leid zu verhindern. Ebenso kann diese beispielhafte Künstlersolidarität auch als Anregung für wertvolle und nachhaltige Hilfsprojekte in Schulen und Gemeinden nutzbar gemacht werden.

Text verfasst 2006, Auskünfte über «Legambiente» sind unter www.legambienteonline.it möglich.

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Sehnsucht nach Frieden und Geborgenheit

Zur eindrücklichen Bürgerinitiative und Wanderausstellung „Lebensspuren“ vom „Deutschen Tagebucharchiv Emmendingen“ in Deutschland

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen/TG

Nach der gut besuchten Ausstellung im Gewölbekeller im Kulturzentrum am Münster in Konstanz ist die sehenswerte Kabinett-Ausstellung „Lebensspuren“ nun in Karlsruhe vom 10. Mai bis 10. August  2008 und anschliessend an einigen anderen Orten in Süddeutschland zu sehen. Es  sind verschiedenartige und sehr persönlichen Tagebücher von alltäglichen und aussergewöhnlichen Lebensgeschichten zu sehen. Die Ausstellung und der Katalog mit CD wurde vom Deutschen Tagebucharchiv Emmendingen (Baden-Württemberg) gestaltet. Das Tagebucharchiv wurde als Bürgerinitiative 1998 ins Leben gerufen. Heute leisten mehr als 80 ehrenamtliche Miterbeiter mit grosser Sachkenntnis und Engagement die Archivarbeit für die bisher 1500 eingegangenen autobiografischen Texte.

 „Individuelle Weltausschnitte von Unglück und Glück“

Zur Eröffnung der Ausstellung in Konstanz trug der ehemalige Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach Prof. Dr. Ulrich Ott eine wertvolle Einführung in die Thematik des Tagebuchs seit der Antike bei. So bezeichnete er beispielsweise den Pietismus als die einschneidenste Epoche für das Tagebuch, auch für das Lesen und Schreiben der einfachen Leute. „Denken Sie nur an Ulrich Bräker, den armen Mann im Toggenburg, bei dem sich Pietismus und Aufklärung begegnet sind. Er nimmt sich täglich nach der Bauernarbeit Zeit zum Schreiben, Zeit fürs Tagebuch, heftig kritisieret oder besser geschimpft von seiner Frau, die das für verschenkte Zeit und für verschenktes Geld hält, könnte er doch, so  hält sie ihm vor, feierabends auch Schwefelhölzchen herzustellen in Heimarbeit und so ein paar Rappen dazu verdienen.“ Der Referent wies auch auf den Unterschied zum Literaturarchiv in Marbach hin, wo Tagebücher aus Schriftstellernachlässen gesammelt werden. In Emmendingen werden Tagebücher aus der Bürgerschaft gesammelt: Tagebücher “sind individuelle Weltausschnitte von Unglück und Glück, Liebe und Verlassenheit, Geselligkeit und Einsamkeit, Verfehlung und Erfüllung, Scheitern und Gelingen, Leiden und Freuden.“ Zum Sinn des Tagebuchs bezog sich Prof. Ott auf Prof. Jürgen von Troschke: Viele Menschen halten Erlebnisse, Gefühle und Gedanken in Tagebüchern fest und das Aufschreiben hilft, Lebenserfahrungen zu verarbeiten. Das Tagebuch kann als Gesprächspartner erlebt werden und beim Lesen kann man sich an Vergangenes erinnern. Jedes Jahr erhält das Archiv hundert oder zweihundert Zusendungen zum Zweck der Archivierung. In fachlich geleiteten Lesegruppen werden alle Dokumente von den ehernamtliche Mitarbeitern gelesen und bestimmten Sachthemen zugeordnet. Das besinnliche Lesen ist für die Besucher im Tagebucharchiv und in der Wanderausstellung gewinnbringend. Gerade Schulklassen lesen mit Interesse die historischen Aufzeichnungen und erhalten einen anschaulichen geschichtlichen und lebenskundlichen Unterricht. Die ausgezeichnet gestaltete Ausstellung enthält fünf beispielhafte Tagebuchthemen: Jugendtagebuch 1938-87, Tagebuch einer Ausreise aus der DDR 1986-1989, Reisetagebuch im Juni 1837, Tagebuch einer politisch engagierten Frau in den 80erJahren und ein Kriegstagebuch aus Russland 1941.

Tagebücher als geschriebene Lebensspuren

Besonders bewegend ist das Brieftagebuch einer Frau an dem im Krieg vermissten Ehemann zwischen 1944 und 1948: „ Stuttgart soll gefallen sein. Doch wissen wir nichts bestimmtes, da wir seit 10 Tagen keinen elektrischen Strom mehr haben, somit auch kein Radio. (...) Wie sucht Dich meine Seele. Ob ich noch Liebe empfinden kann, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass ich mich unendlich nach Dir sehne. (...) Die zwei Kinder könnten so nötig Deine feste Vaterhand gebrauchen. Sie leiden beide darunter, keinen Vater zu haben. (...) Wenn es mit meiner Gesundheit nicht besser wird, muss ich den Betrieb aufgeben.“
Auch die Schilderungen eines Unteroffiziers der den Vormarsch einer deutschen Infanterie-Kompanie nach Russland und die Kämpfe um Kiew 1941 berühren und machen nachdenklich auch über die zahlreichen gegenwärtigen grausamen Kriege, Toten und Leidenden: „ Waldkämpfe. Wir erreichen die Höhe von Karjukowka. Hier liegen uns gegenüber russische Scharfschützen, die jeden einzelnen von uns abknallen. (...) Schneidende Kälte – minus 33 Grad. Unsere Winterausrüstung ist unzureichend. Unsere dunklen Uniformen heben sich vom hellen Schnee gut ab. Wir werden vom Russen als Ziel leicht ausgemacht. Das Öl und die Bremsflüssigkeit in unseren Waffen sind eingefroren und nicht zu benützen. (...) Wir sind alle vollkommen fertig.“ Die Tagebucheinträge sind sehr berührend und vermitteln eindrücklich die Schrecken der vergangenen und gegenwärtigen Kriege.
So ermöglichen Tagebücher Einblicke in fremde Lebenswelten, ermöglichen ein gefühlsmässiges Angerührt werden und können als zeitgeschichtliche Dokumente für die Forschung genutzt werden. Prof. Ott dazu: „Wem ein Blick in diese Bestände gewährt wird -  und viele Gruppen werden ständig durch das Archiv geführt – der kann nur staunen, welche Fülle von Individualität und Originalität einem da entgegentritt, so verschieden wie die Menschen selbst und die Umstände, in denen sie stehen: Krieg und Wohlstand: alles prägt sich im Stil und äusserer Form aus – Notpapiere, Morsestreifen mit Bild und Text, verblüffende künstlerische Gestaltung – die schönsten oder traurigsten Überraschungen treffen einen da.“
Die Idee eines Tagebucharchivs hatte der italienische Journalist Saverio Tutino, „der 1983 in dem Tiberstädtchen Pieve die Santo Stefano, einer im Krieg fast ganz zerstörten Gemeinde, das „Archivio Diaristico Nazionale“ gegründet und mit grossem Erfolg bekannt gemacht hat.“ Heute wird jährlich ein Preis für Tagebuchschreiben abgehalten“ berichtet Prof. Ott.  In Zusammenarbeit von Bürgerinitiativen, Professoren und Behörden wurden inzwischen in weiteren sechs europäischen Ländern diese vorbildliche Aufarbeitung der „Lebensspuren“ in Angriff genommen. Tagebuchaufzeichnungen regen an über den Sinn des Lebens nachzudenken, ist allen Zeitgenossen ans Herz zu legen und soll auch beitragen, endlich die grausamen Kriege zu beenden und für alle das Menschenrecht auf Frieden, Gerechtigkeit und  und Geborgenheit zu schaffen.

Die Ausstellung ist in Karlsruhe (10. Mai bis 10. August 2008), in Ebersbach an der Fils (8. Februar bis 29. März 2009), in Wackershofen/Schwäbisch Hall (April bis Juni 2009) und in Freiburg (August bis September 2009) Aktuelle Informationen zur Ausstellung: www.tagebucharchiv.de

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