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Nach den erfolgreichen Freilichtaufführungen "D'Gotthardposcht" von 1999, 2000, 2002 und 2005 in Andermatt, welche die dramatischen Veränderungen mit der letzten Fahrt der Gotthard-Pferde-Postkutsche in der Region zum Inhalt hatte, kann in Göschenen die Weiterentwicklung der Gotthard-Geschichte durch den Bau des Bahntunnels in einer hervorragenden Freilicht-Theateraufführung mit einem einmaligen Bühnenambiente besucht werden. Die ganze Bevölkerung der Region, die kein einfaches Leben haben und schon viele Rückschläge überwinden musste, hat wieder eine grossartige Leistung vollbracht. Göschenen, das kleine sympathische Eisenbahnerdorf zuoberst im Urner Reusstal, mit Blick auf die Gletscher, mit dem Wasserreichtum und den pittoresken Wandergebieten, erlebt einen Theatersommer vor grandioser natürlicher Kulisse: Die weite Umgebung des Bahnhofareals, die Güterwagen als mobile Bühnenbilder, der fahrenden Dampflokomotive und der fünfspännigen Pferdepostkutsche. Dies alles vor dem imposanten Panorama des Gotthardmassivs mit der stark befahrenen Schöllenenstrasse im Hintergrund. Das Stück lebt von den historischen Fakten und den mehr als 100 herrlichen Darstellerinnen und Darstellern aus der Gotthardregion, die ihr Herzblut in das Volksschauspiel des damaligen Jahrhundertereignisses legen. Die Besucher werden durch die liebevolle, menschliche und realistische Darstellung in die Geschichte des abenteuerlichen Baus des Gotthardtunnels vor 125 Jahren eingeführt. Sehr eindrücklich sind die zahlreichen Tunellarbeiter und Mineure mit Schaufel und Pickel. Einfühlsam wird aus der damaligen menschlichen und historischen Perspektive heraus der Lebensalltag in Göschenen um 1875, mitten im Baufieber des Bergdorfes aufgezeigt. Neben freudigen Ereignissen entsteht viel menschliches Leid.

Harter Lebensalltag der Tunnelarbeiter und Mineure

Im Theaterstück wird der harte Lebensalltag in Göschenen mit den zumeist italienischen Arbeitern äußerst einfühlsam und realistisch dargestellt. Die Verträge zum Tunnelbau enthielten so viele unmenschliche Zwänge und soviel Profitdenken, dass auch Spekulanten in der Tunnelarbeiterstadt Göschenen ihre dunklen Geschäfte machten und viel sozialer "Sprengstoff" entstand. Leidtragende waren die  mehrheitlich aus Italien kommenden Mineure aber auch die Familien in Göschenen. Miserable Unterkünften und Schichtarbeit im Stollen rund um die Uhr. Sie wurden unter Druck gesetzt, schneller zu arbeiten, denn die Auszahlung der Arbeiter war vom "Vortriebsfortschritt", des fast 15 km langen Tunnels abhängig. Für den Vertrag war der Unternehmer und Tunnelbauer Louis Favre verantwortlich. Mit jedem Tag Verspätung mussten grosse Summen Entschädigung bezahlt werden und dies in einem Pionierwerk des Tunnelbaus mit all seinen unvorhersehbaren Naturgewalten. Durch diese perfiden Verträge wurden minimalste Sicherheitsmassnahmen, soziale und gesundheitliche Anliegen völlig vernachlässigt. Im Programmheft werden dazu gute Hintergrundinformationen gegeben: "Die jungen Arbeiter und Arbeiterinnen kamen meistens aus dem ländlichen Umland von Turin,  wo die stark wachsende Bevölkerung in der Landwirtschaft kein Auskommen mehr fand. (...) Es wurde  in zwei bis drei Schichten ununterbrochen gearbeitet. Die Abluft der pneumatisch betriebenen Tunnelbohrmaschinen leitete nur wenig Luft an die Tunnelbrust. Temperaturen bis gegen 30 Grad, giftige Sprengabgase und Fäkalien der 500  bis 1000 Arbeiter im Tunnel erschwerten die Arbeit fast bis ins Unerträgliche." Wassereinbrüche, Steinschlag, Staub und die heimtückische Krankheit des Hakenwurms führte bei vielen Arbeitern zum Tod. Viele dieser Fakten werden im Theaterstück gut aufgezeigt. Eindrücklich ist die Szene vom Aufstand und Streik der Mineure von 1875, der damals blutig niedergeschlagen wurde. Vier Tote und mehrere Schwerverletzte waren zu beklagen. In der 10-jährigen Bauzeit arbeiteten über 20 000 Männer, fast 200 von ihnen starben an Unfällen von explodierenden Dynamitladungen, fast 1000 von ihnen wurden invalid und weitere tausende von Tunnelarbeiter sollten den Gotthard als kranke Männer verlassen und auch viel Leid in ihren Familien hinterlassen.

Eine Schicksalsgemeinschaft

Die ganze Aufführung bewirkt bei den Besuchern eine gefühlsmäßige Verbundenheit mit dem Gotthard, seiner Geschichte und den geplagten Menschen hier und auf der ganzen Welt. Differenziert wird das zwischenmenschliche Geschehen dargestellt. Der Umgang der italienischen Arbeitern und Einheimischen in Göschenen war mehrheitlich von Solidarität und gegenseitiger Hilfe geprägt. Man war eine Schicksalsgemeinschaft. Die Wirtin der Cantina, die Mütter und die Großmutter zeigen im Theaterstück Mitmenschlichkeit und Lebensweisheit: "Die Italiener gaben das hart verdiente Geld nicht leichtsinnig aus. Ein möglichst grosser Teil der Einkünfte wurde nach Hause geschickt. Ein Tunnelarbeiter verdiente im Tag 3.50 bis 5 Franken, je nach zu verrichtenden Arbeit. (...)Sie mussten 3 Prozent des Lohnes für die Krankenkasse abliefern, die persönliche Ausrüstung, wie die Öllampe, für 5 Franken selber kaufen. Für das rauchlose Baumnussöl für die Lampen bezahlten die Arbeiter 30 Rappen pro Tag." Für die Unterkunft in gemieteten Zimmer, wo bis 12 Arbeiter auf Pritschen schlafen mussten, und das Essen kosteten mehr als zwei Franken, so dass vom Tageslohn meist ein bis zwei Franken übrig blieb. Auch die berühmten Initianten des Tunnels spielen im Stück ihre Rolle: Alferd Escher (1819-1882), der als Zürcher Staatsmann, Wirtschaftsführer und Gotthardpionier wirkte und durch die Kostenüberschreitungen zum Rücktritt aufgefordert wurde. Der Genfer Louis Favre (1826-1879) führte ein abendteuerreiches Leben als Bauführer und Unternehmer im aufkommenden Eisenbahnzeitalter und starb mit 53 Jahren an einem Herzversagen im Gotthardtunnel. Eine zentrale Rolle spielt der Ingenieur Lusser im Stück. Er muss die Arbeiter antreiben, mit den Politikern und Unternehmern verhandeln und den Kontakt zur Dorfbevölkerung halten. Eindrücklich ist die Schlussszene, wo er sich anlässlich dem freudigen Dorffest zum Tunneldurchstich 1880 mit den geschundenen Arbeitern solidarisiert und enthusiastisch in den Chor einstimmt: "Viva il Gottardo!" 

Ein Gemeinschaftswerk mit Ausstrahlung aus der Region

Verstärkt wurde die Theatertruppe mit Mitwirkenden aus dem Tessin, einigen Berufsschauspielern und einer hervorragenden Musikgruppe. Paul Steinmann, der erfahrene Autor der "Gotthardposcht" hat anhand zahlreicher Quellen. u.a. auch neuer Forschungen der Basler Historikerin Alexandra Binnenkade ein ausgezeichnetes Stück geschrieben. Auch ältere Bücher, wie beispielsweise "Unser Gotthard" von  Karl Lüönd und Karl Iten (Ringier, 1980) enthalten wertvolle Informationen. Stefan Camenzind hat als künstlerischer Leiter das Stück mit einem Team von professionellen Bühnenfachleuten und den begeisterten Mitwirkenden mit Kindern, Jugendlichen bis zu Senioren bestens inszeniert. Ein sympathisches Fabrikdörfli mit Verpflegung und Informationen wurde gestaltet, das traditionsreiche "Urner Wochenblatt" gab eine historische Sonderzeitung mit Originalartikeln zur Tunneleröffnung heraus. In Göschenen sind an verschiedenem Ort interessante Informationstafeln zum Tunnelbau angebracht. Gemüsebeete wurden neu angelegt, eine Wäscheleine mit Wäsche verweisen beim Dorfbrunnen auf das damalige Dorfleben. In einem langen Original-Versuchsstollen ist Favres Messinstrument und eine Ausstellung mit den technischen Informationen zum Tunnelbau zu sehen. Das vor 9 Jahren geschlossenen ehrwürdige Bahnhofbuffet Göschenen wurde zur Theateraufführung wieder für Gäste eröffnet.     

Mitfühlen mit den Nöten bei uns und in der Welt

Wertvoll wird das Theaterstück durch die Bezüge zu den Problemen im engeren und weiteren Umfeld. Die Theatertruppe der "Gotthardbahn" stellt sich auf die Seite der Mitmenschlichkeit, an die Seite der Armen, der Leidenden und stiftet Hoffnung auf mehr Menschlichkeit! Der aufmerksame Zuschauer wird zu weiterführenden Gedanken angeregt. Es wird deutlich, wie wichtig die Nord-Südachse für die Schweiz und Europa wurde, als 1882 der Gotthardzugsverkehr begann. Man fragt sich, wie viel Waren und Transitverkehr durch unser auf maximalen Profit ausgerichtetes Wirtschafssystem und der zentralistischen EU-Politik verursacht wird. Man erahnt wie viele unsinnige Transporte vom Norden in den Süden um umgekehrt ablaufen. Auch das Leben in der Gotthardregion nach dem Abzug der Armee, den fehlenden Arbeitsplätzen, dem Neat-Projekt und den folgenschweren Auswirkungen der neuen Regionalpolitik durch die Stärkung der Metropolen, sind Fragen, die nachdenklich stimmen. Die Freilichtspiele "D'Gotthardbahn" sind eine Hommage an der Gotthard und seine Bevölkerung: Der Gotthard ist das Herz Europas, der Stolz der Schweiz mit der Freundschaft zu Italien. Dass zum Wasserschloss Gotthard Sorge getragen muss, zeigt die zunehmende Kommerzialisierung des Wassers. Wasser darf nicht privatisiert werden, es ist ein existenzielles Menschenrecht. Die Wirtschaft, die Bildung und Politik hat den Menschen zu dienen. Die Geschichte des Tunnelbaus zeigen vielfache Bezüge zur Welt auf: Die vielen miserablen Arbeitsbedingungen der Minenarbeitern in Afrika und Asien, die menschenfeindlichen Globalisierung und Gewinnmaximierung, das Börsengeschäft und die ganze unerträgliche Kluft zwischen Nord und Süd, Reichtum und Armut aber auch die völkerrechtswidrigen Kriegen, die Tod und Elend bei der Zivilbevölkerung bringen und sofort beendet werden könnten. So wird Theater nicht zu Formalismus und Selbstinszenierung, sondern zu dem was Kultur wirklich ausmacht: Das Denken und Fühlen  der Menschen anzuregen und zur Verständigung der Menschen und Völker beizutragen.

Das Freilichtspiel kann noch bis zum 25. August 2007 und hoffentlich in den kommenden Jahren besucht werden.
Informationen: Andermatt Gotthard Tourismus +41 (0)41 888 000 2
Kombitickets mit RailAway-Bahnfahrt, oder www.goeschenen.ch.
Zur gleichen Thematik: www.cantina-transalpina.ch.