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Die Landwirtschaft betrifft uns alle

Zur informativen Broschüre für Schule, Elternhaus und Politik
 „Wege aus der Hungerkrise - Die Erkenntnisse des Weltagrarberichtes und seine Vorschläge für eine Landwirtschaft von morgen“

von Urs Knoblauch, Fruthwilen/TG

Laut Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO hungern weltweit über eine Milliarde Menschen, obwohl die Bauern auf der ganzen Welt mehr Lebensmittel pro Kopf produzieren als je zuvor. Deshalb stellte sich die Frage: «Wie können wir durch die Schaffung, Verbreitung und Nutzung von landwirtschaftlichem Wissen, Forschung und Technologie Hunger und Armut verringern, ländliche Existenzen verbessern und gerechte, ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltige Entwicklung fördern?» Über 500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Kontinente und zahlreicher Fachrichtungen trugen während vier Jahren den Stand des globalen Wissens über die Landwirtschaft und ihre Zusammenhänge, ihre Geschichte und Zukunft zusammen. Dabei waren Industrie, Berufsverbände und die Zivilgesellschaft am Prozess ebenso beteiligt wie Regierungen, alle UN-Organisationen und Vertreter von indigenen Völkern. Diese ganzheitliche Betrachtungsweise aller wesentlichen ökologischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Aspekte der Landwirtschaft ist bisher einzigartig.
Nach der umfangreichen englischen Ausgabe liegt nun in deutscher Sprache eine gedruckte, kostengünstige und gut illustrierte Zusammenfassung des wertvollen Weltagrarberichts 2008 der IAASTD (International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development) vor. Darin werden wichtige Ergebnisse und Vorschläge zur Bewältigung der Hungerkrise und Wege für eine Landwirtschaft der Zukunft aufgezeigt. Auch Schweizer Landwirtschaftsexperten waren daran beteilig und unser Land hat den Bericht gemeinsam mit 60 weitern Staaten unterzeichnet. Besonders bedeutungsvoll ist, dass wichtige Kernanliegen der schweizerischen Landwirtschaftspolitik wie beispielsweise die Multifunktionalität, die Bedeutung der Ernährungssouveränität und der kleinräumigen regionalen Landwirtschaft vorbildhaft in den globalen Landwirtschaftsbericht einflossen.
Erstmals wird in diesem von vielen nationalen und internationalen Organisationen geförderten Bericht, auch das Recht anerkannt, dass alle souveränen Nationalstaaten ihre eigene Landwirtschaftspolitik selber in demokratischer Weise bestimmen sollen: «In Bezug auf den Welthandel bedeutet Ernährungs-Souveränität das Recht von Staaten, ihre Lebensmittelproduktion selbst zu gestalten. Dieses Recht dürfe weder von der WTO noch von einzelnen Handelspartnern eingeschränkt werden. Sie richtet sich auch gegen Kreditauflagen und Strukturanpassungs-Programme des Internationalen Währungsfonds oder der Weltbank, die Entwicklungsländer zwecks Reduzierung ihrer Schuldenlast zum Verzicht auf staatliche Saatgutverteilung, Handelskontrollen und Lebensmittel-Reserven und zu exportorientierten Anbauprogramme zur Verbesserung ihrer Aussenhandelsbilanz zwingen.» Rechtsstaatlichkeit bedeute hier: «Weil ein Souverän sein Selbstbestimmungsrecht nicht abgeben kann, ist das Konzept der Ernährungs-Souveränität eine demokratische Herausforderung für alle Regierungen, die das Menschenrecht auf ausreichende und gesunde Ernährung ernst nehmen. Es ist auch eine Herausforderung für jeden Einzelnen von uns.»
 Der Weltagrarbericht betont auch die Bedeutung des Reichtums der Traditionen und Kulturen, die ja weltweit und gerade in der Schweiz sehr vielfältig sind. Die Familien, die Frauen und Männer in der Landwirtschaft haben einen enorm wertvollen Erfahrungsschatz an lokalem und traditionellem Wissen. Die landwirtschaftlichen Betriebe tragen auch viel zur «sozialen Stabilität, und zum Erhalt der Kultur, Tradition und Identität» eines Landes bei. Die einzelnen Länder, Kulturen und Bevölkerungsgruppen besitzen ein reichhaltiger Schatz an überliefertem Wissen, Erfahrungen und Zeremonien über das Leben und die Natur. „Dieses praktische Wissen ist das wichtigste Handwerkszeug von Land- und Forstwirten, Hirten, Fischern, Heilern und Indigenen, aber auch von Hausfrauen, Gärtnern und Handwerkern in aller Welt. Es ist historisch gewachsen und erfasst auf eigene Art häufig komplexe Zusammenhänge, die monokausal denkenden Naturwissenschaftler bis heute überfordern können.»

Hunger muss vor Ort mit den Bewohnern überwunden werden

«Über 70% aller Hungernden leben auf dem Lande. Als Klein- und Subsistenzlandwirten, Hirten, Fischer, Sammler, Landarbeiter und Landlose sind sie direkt von der lokalen Landnutzung abhängig, können sich davon aber nicht nachhaltig und sicher ernähren. Hunger und Armut sind in den meisten Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas deshalb wesentlich eine Frage der regionalen Selbstversorgung.“  Die Zustände sind alarmierend, denn die Hälfte der elf Millionen Kinder unter fünf Jahren, die jedes Jahr sterben, könnte schon bei etwas besserer Ernährung überleben. Die Landwirte produzieren, in Kalorien ausgedrückt, heute weltweit etwa ein Drittel mehr, als für die Versorgung der Menschheit notwendig wäre. Ein wachsender Anteil der Produktion wird aber nicht für die Ernährung der Menschen, sondern für Tierfutter, Treibstoff und andere industrielle Zwecke verbraucht. Der Weltagrarbericht macht deutlich, dass nicht die Steigerung der Produktivität um jeden Preis, sondern die reale Verfügbarkeit von Lebensmitteln und die Produktion vor Ort der wichtigste Faktor für die Bewältigung des  Hungers ist. Deshalb muss der Zugang der Armen auf dem Lande zu Boden und Wasser, zu Produktionsmitteln und zu Erwerbsmöglichkeiten, sozialer Mindestabsicherung und Bildung umgesetzt werden. Der Bericht zeigt hier vielfältige Lösungen auf. Einfache  Projekte können mit der Hilfe der vielen bewährten Organisationen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit aufgebaut oder bestehende zivilgesellschaftliche Genossenschaften und Bewegungen neu belebt werden. Selbsthilfegruppen, kleine innovative Landwirtschafts- und Gemeindeinitiativen, Mikrokredit-Vereine, Fairtrade- und Biounternehmen sind Wege zur Zusammenarbeit.

Vom grossen Wert kleinbäuerlicher Betriebe und der Multifunktionalität

Einer der wichtigsten Botschaften des Berichtes ist der multifunktionale Beitrag der Landwirtschaft für den Erhalt der ganzen Natur und unser Überleben: «Schliesslich stellt die Landwirtschaft eine Vielzahl von Ökosystemleistungen sicher. Die Bedeutung dieser Rolle der Landwirtschaft wird für die globale Nachhaltigkeit von Entwicklung möglicherweise zunehmen und für das Überleben der Menschen auf diesem Planeten eine zentrale Rolle spielen.» Allein der Erhalt der natürlichen und kultivierten Artenvielfalt, des Reichtums und der Schönheit der landschaftlichen Vielfalt, der Ökosysteme, der Verfügbarkeit und Qualität von Süsswasser und die ökologischen, kulturellen und sozialen Beiträge welche die Landwirtschaft erbringt, müssen in ihrer Bedeutung der Multifunktionalität mehr gewichtet werden. Die Bauern müssen für ihre Arbeit und Produkte faire Preise, ein angemessenes Einkommen und mehr Wertschätzung erhalten: «Nur wer seine Produkte zu einem auskömmlichen Preis verkaufen kann, wird mehr produzieren, als seine Familie oder Dorfgemeinschaft verbraucht, und kann so zur Ernährung seiner Mitmenschen beitragen und Vorsorge für schlechte Zeiten treffen Der Weltagrarbericht macht auch deutlich, dass regionale Kleinbauern- und Familienbetriebe, Genossenschaften und Arbeitsgemeinschaften  weltweit dringend gefördert werden müssen. Damit werden sinnvolle Arbeitsplätze geschaffen, der Hunger kann vor Ort bekämpft werden und es entstehen weniger Elendsquartiere in den Metropolen. «Obwohl die Produktivität pro Fläche und Energieverbrauch in kleinen, diversifizierten Bauernhöfen viel höher ist als intensive Bewirtschaftungssysteme in bewässerten Gebieten, werden sie weiterhin von der offiziellen Agrarforschung vernachlässigt.» Ohne die traditionellen bäuerlichen Betriebe romantisch zu verklären werden die Grenzen grossflächiger, hochtechnisierter industrieller Landwirtschaft und Monokulturen aufgezeigt: „Während industrielle Produktionssysteme grosse Mengen an Agrarrohstoffen mit relativ geringem Arbeitseinsatz erbringen, verursachen sie oft hohe gesundheitliche Kosten, haben zusätzliche negative Umweltauswirkungen und sind in ihrem Energieeinsatz meist ineffizient.» Mit immer neuen Technologieschüben, der Mechanisierung, Zucht, Chemieeinsatz und der Devise «Wachse oder weiche!» kamen jedoch unzählige Bauern in Schwierigkeiten. Bauern, die frühzeitig eine produktivere Technologie einführten, profitierten so lange bis neuere Technologien kamen, die Produktion wieder stieg und die Preise fielen. Bauern, die die Technologie nicht einsetzen, geraten dann in eine Preisklemme: Ihr Einkommen sinkt, egal wie hart sie arbeiten. Auch das Konzept der weltweit gehandelten Agrarrohstoffe aus wenigen, standardisierten Hochleistungspflanzen hergestellt, erfordert immer aufwendigeren und komplexeren industrielle Verarbeitungsgänge. Die „scheinbare Vielfalt“ der Produkte in den Supermärkten hat deshalb auch „wesentlich zu den modernen Formen der Über- und Fehlernährung beigetragen.»
Der Weltagrarbericht macht aber auch deutlich, dass ein Erfolg immer durch die Initiativen einzelner Persönlichkeiten oder Gemeinschaften entsteht: „Besonders erfolgreich sind diese Initiativen vor Ort, wo Regierungen, Behörden und internationale Hilfsorganisationen die Selbstorganisation und Selbstbestimmung der Betroffenen unterstützen, anstatt ihnen Massnahmen aufzudrängen, die für sie fernab der lokalen Gegebenheiten und Bedürfnisse erdacht wurde. Eine robuste Selbstversorgung mit Lebensmitteln und eigenständige Produktion auf Grundlagen der vor Ort verfügbaren Mitteln und Möglichkeiten haben sich dabei als das sicherste Rezept erwiesen; auch für eine weitergehende Entwicklung wirtschaftlicher Aktivitäten und gemeinschaftlichen Wohlstands.» Die Broschüre kann für Schule, Elternhaus und Politik nur wärmstens empfohlen werden, denn „die Landwirtschaft betrifft uns alle.“

Die Broschüre wurde von der „Zukunfsstiftung Landwirtschaft“ in Deutschland herausgegeben, verfasst von Bebedikt Haerlin (Mitglied des IAASTD-Aufsichtsrats) und Tanja Busse und wurde von verschiedene Organisationen unterstützt.
Die Broschüre kann für Fr.5.- und Versandkosten direkt per Post über die Buchhandlung Büecher-Chorb in  CH-8355 Aadorf,
Tel. 052- 366 22 60  oder über den AbL Verlag +49 (0) 23 81 492 288 verlag@bauernstimme.de  in Deutschland bezogen werden..
Weitere Informationen zum Weltagrarbericht  www.agassessmen.org, www.weltagrarbericht.de oder www.swissaid.ch.

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Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit der Schweiz

Kultur - unerschöpfliche Quelle des Austauschs

Nein, Kultur ist weder Luxus noch Privileg der prosperierenden Länder und der Vermögenden. Sie ist ein Reichtum und gehört zum Erbe der Menschheit genau so wie das Recht und der freie Zugang zu Wissen oder die Redefreiheit. Aminata Traoré, ehemalige malische Kulturministerin und Gründerin des Afrikanischen Sozialforums, verteidigt die kulturelle Vielfalt ohne Umschweife und stellt das überaus praktische, aber vereinfachende «Denken von der Stange» als verlockendes Produkt der Political Correctness an den Pranger: «Das eindimensionale Denken, das die vorherrschende Wirtschaftsordnung prägt, ist von Entzivilisierung und Entmenschlichung begleitet.»

Nein, Kultur ist kein Luxus, sie ist eine Notwendigkeit. Sie fördert den Austausch und das gegenseitige Verständnis unter den Völkern. Sie verbindet Zivilisationen über Raumund Zeitgrenzen hinweg. Sie ist ein Abbild für den Reichtum der Frauen und Männer, die allesamt die gepfefferte Würze der menschlichen Natur ausmachen. Sie gibt Orientierung. Sie wurzelt in unserer kollektiven Erinnerung. Sie ist ein Lebenstrunk, der unsere Gegenwart nährt und unseren Weg in die Zukunft skizziert.

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