Mein Dank gilt dem Schweizerischen Roten Kreuz und meine Bewunderung den Schweizer Familien
Zum Foto-Text-Band «Not und Hoffnung – Deutsche Kinder und die Schweiz 1946 –1956“ von Bernd Haunfelder
von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen TG
2010 wird das Wirken des Rotkreuz-Gründers Henry Dunant (1828–1910) anlässlich seines 100. Todestages mit zahlreichen Anlässen gewürdigt. Die letzten 22 Jahre seines Lebens lebte der grosse Menschen- und Friedensfreund fast vergessen in Heiden im Kanton Appenzell-Ausserrhoden. Durch die Empfehlung der Pazifistin und Schriftstellerin Bertha von Suttner (1848–1914) wurde ihm noch zu Lebzeiten der erste Friedensnobelpreis zugesprochen. Bis heute haben die nationalen und internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften mit ihrer segensreichen Tätigkeit unzähligen Menschen Hilfe und Hoffnung in Zeiten des Krieges und bei Katastrophen gebracht. Vieles geschieht dabei ohne grosse Publizität. Vieles geht vergessen. So zum Beispiel ist das Wirken der Schweiz im Zweiten Weltkrieg viel zu wenig bekannt. Deshalb ist es besonders verdienstvoll, dass 2008 der Foto- und Textband «Not und Hoffnung – Deutsche Kinder und die Schweiz 1946–1956» des deutschen Historikers Bernd Haunfelder erschienen ist. Darin arbeitet der Historiker erstmals die Hilfs tätigkeit des Schweizerischen Roten Kreuzes, der «Schweizer Spende» und die «Kinderspeisungen», «Patenschaftsaktionen» und die «Hilfe für Vertriebenen- und Flüchtlingskinder» auf und legt bisher kaum veröffentlichtes Fotomaterial und bewegende Berichte von Zeitzeugen vor. Weder in Deutschland noch in der Schweiz wurde diesem Kapitel der humanitären Hilfe der Schweiz in der Nachkriegsgeschichte die gebührende Aufmerksamkeit gegeben. Haunfelder schreibt dazu: «Kaum eine andere Epoche ist aber derart gut dokumentiert wie die Kriegs- und Nachkriegszeit. Doch damalige Wochenschauberichte über die Hilfe aus der Schweiz werden fast nie gezeigt, aussagekräftige Kinderbilder nur sehr selten veröffentlicht und Zeitzeugen, die zum Teil sehr bewegt über den Aufenthalt in der Schweiz, über Kinderspeisungen und über Patenschaftspakete hätten berichten können, besassen kein Podium. Die Geschichte der humanitären Geste unseres Nachbarlandes wäre in einigen Jahren in Vergessenheit geraten.»
Die Schweiz half als erstes Land hungernden Deutschen
Dabei war die Hilfe der Schweizer Bevölkerung, der kirchlichen und zivilen Hilfsorganisationen, die gemeinsam mit dem Schweizerischen Roten Kreuz geleistet wurde, vorbildlich. Haunfelder schreibt dazu: «Das erste Land, das der hungernden deutschen Bevölkerung nach dem Krieg half, war die Schweiz. Seit Anfang 1946 erhielten mehr als zwei Millionen Kinder der britischen, französischen und sowjetischen Zone täglich Speisungen. Dazu waren Ovomaltine, Kakao und Schokolade heiss begehrt. Ausserdem gelangten zehntausende Tonnen Medikamente, Kleidung und Paketsendungen nach Deutschland. […] Mehr als 44 000 unterernährte und kranke deutsche Jungen und Mädchen reisten von 1946 bis 1956 zu einem dreimonatigen Erholungsaufenthalt in die Schweiz.» Die mehr als 120 veröffentlichten Fotografien zeigen das Gefühl der Not, der Hoffnung und der Dankbarkeit. Es kommen Menschen zu Wort, die in Erlebnisberichten über ihre Erholungszeit in der Schweiz oder Hilfeleistungen in Deutschland ihre Dankbarkeit ausdrücken: «Mein Dank gilt dem Schweizerischen Roten Kreuz und meine Bewunderung den Schweizer Familien, die in den schweren Nachkriegsjahren so viele deutsche Kinder glücklich gemacht haben.» Der Autor des Foto-Text-Bandes erfasst psychologisch sehr einfühlsam das Wesentliche des humanitären Wirkens. Es ist das echte Erleben des mitmenschlichen Zusammengehörigkeitsgefühls, die soziale Natur des Menschen: «Im Gegensatz zu Millionen anderer Kinder, die von ihren Schreckenserlebnissen jahrzehntelang immer wieder eingeholt werden, sollte sich den ‹Schweizerkindern› schon früh eine andere Erfahrungswelt öffnen. Mit der äusseren Genesung ging, seinerzeit nicht gross beachtet, auch eine erste seelische Stabilisierung einher. Dabei dürfte nicht nur die Erinnerung an den Aufenthalt wohltuend nachgewirkt haben, auch das Eintreffen unzähliger Pakete der Gasteltern aus der Schweiz symbolisierte, abgesehen vom rein materiellen Wert, stets das sichere Gefühl des Nichtverlassenseins, des Wissens um eine heile und bessere Welt.» Durch das ganze Buch geht dieses hoffnungsvolle mitmenschliche Band der Welt als einer Familie.
Vom grossen Wert historischer Quellen und Zeitzeugen
Haunfelder gelingt dank des Einblickes in die Archive des Schweizerischen Roten Kreuzes, ins Schweizerische Bundesarchiv und in Stadtarchive eine eindrückliche historische Aufarbeitung dieser fast vergessenen Hilfeleistung. Auch die Monatszeitschriften des Schweizerischen Roten Kreuzes enthalten wertvolle Notizen: So wurde im Heft 2, 1949, festgehalten: «Die Kommission der Kinderhilfe bewilligt im September 1949 für den Ankauf von Lebensmitteln für die individuellen Patenschaften der Kreise Ludwigshafen und Hannover einen Kredit von 75 000 Sfr. und für den Ankauf von Bettwäsche, Küchenmaterial und Hausrat zur Einrichtung des Kinderheims Falkau, Staufen im Breisgau, einen Kredit von 5000 Franken.» Und im Heft 3 von 1950 lesen wir: «Am 14. Dezember 1949 reisen 500 Flüchtlingskinder aus München, Augsburg und Nürnberg über Schaffhausen ein, am 21. Dezember erreicht der nächste Zug mit Flüchtlingskindern aus Würzburg, aus dem Bayerischen Wald und aus dem Lager Hof-Moschendorf die Schweiz. Am 25. Januar wird der nächste Zug mit Flüchtlingskindern aus Schleswig-Holstein erwartet. Sie werden in Familien untergebracht.» Und im gleichen Heft: «Ende Dezember 1949 befinden sich 30 deutsche Kinder im Erholungsheim ‹Fragola›, einige in den Heimen ‹Sonnalp› in Goldiwil und in ‹Flüeli› und 16 in ‹Oberholz›. Schweizer Firmen versüssen den kleinen Gästen das Weihnachtsfest.»
Grosse Hilfsbereitschaft der Schweizer Bevölkerung
Die deutschen Historiker Bernd Haunfelder und Markus Schmitz haben schon 2002 mit ihrem Buch «Humanität und Diplomatie – Die Schweiz in Köln 1940–1949» das «vielseitige humanitäre und diplomatische Engagement der Schweiz im Köln der vierziger Jahre» aufgearbeitet. Dabei wird der Beitrag der «Schweizer Spende an die Kriegsgeschädigten zur Linderung von Not und Elend» in Europa gewürdigt. Auch das couragierte Verhalten einzelner Schweizer Diplomaten für die Hilfe an den hungernden Kindern wird darin erstmals aufgearbeitet. Wie vorbildlich sich der Schweizer Generalkonsul Franz-Rudolf von Weiss in Köln eingesetzt hat, wird im zweiten Teil des lesenswerten Buches anhand seiner Konsulatsberichte für das Aussenministerium in Bern dargelegt. «Diese auch von Bundeskanzler Adenauer hoch geschätzte humanitäre Hilfe stellte zugleich einen zentralen Aspekt der Wiederanknüpfung der deutsch-schweizerischen Beziehungen nach 1945 dar.» 2007 erschien von Bernd Haunfelder auch das ausgezeichnete Buch «Kinderzüge in die Schweiz – Die Deutschlandhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes 1946–1956». Auch dieses Buch enthält einen Schatz an Textdokumenten von Zeitzeugen und eindrücklichen Fotografien. Richard von Weizsäcker würdigte im Geleit die Leistung der Schweiz, er schreibt: «Das Land, dem ich mich durch meine Kinder- und Jugendzeit in Basel und Bern von jeher verbunden fühle, hat damals wirklich Grosses geleistet. […] In zahlreichen deutschen Grossstädten gab es Zentren der ‹Schweizer Spende›, und viele Ältere werden sich noch an die umfangreichen Speisungen aus unserem Nachbarland erinnern. […] Fast 44 000 deutsche Kinder waren nach dem Kriege von Schweizer Gasteltern zu einem dreimonatigen Erholungsaufenthalt eingeladen worden, über 181 000 waren es insgesamt aus ganz Europa – eine wahrlich beeindruckende Zahl. […] Es ist wichtig, dass sich Deutschland der umfangreichen Hilfe des Auslands nach 1945 immer wieder erinnert.» Die «Neue Zürcher Zeitung» würdigte am 22. Juni 2007 das Buch von Haunfelder und schreibt: «Dieses Kapitel schweizerischer humanitärer Hilfe ist in der deutschen Geschichtsschreibung fast unbekannt. […] Dabei bedeuteten die Eisenbahntransporte dieser Kinder nicht nur eine grosse logistische Leistung in einem völlig ruinierten Land; die Bekundung der schweizerischen Hilfsbereitschaft gegenüber einem Nachbarland, das die Schweiz noch kurz zuvor unter Druck gesetzt und drangsaliert hatte, war ebenfalls bemerkenswert. […] Für die bleichen, oft kranken und traumatisierten Kinder war es eine Fahrt ins Paradies. […] Viele der ‹Schweizer Kinder› hielten fortan die Verbindung zu ihrer Gastfamilie aufrecht; es wurden Freundschaften fürs Leben.»
Die humanitäre Substanz der Schweiz und des Roten Kreuzes vermitteln
Die eindrücklichen Einblicke in die damalige Lebenswirklichkeit bringen uns zugleich auch das heutige Kriegselend vieler Menschen näher. Der Autor rückt auch Missverständnisse zur Schweizer Neutralität zurecht: «Auch wenn die Neutralität das Einschreiten für eine Kriegspartei verbot, so schloss das berühmte Leitbild der Schweizer Aussen politik eine Verantwortung für Europa keineswegs aus. Im Gegenteil, Neutralität bedeutet für die Schweiz, dass man sich mit dem zerstörten Europa solidarisch zeigte und sich des aus der Notlage Europas ergebenden Handlungsbedarfs annahm. […] Dass die Schweiz zu den ersten Ländern zählte, die Hilfe in das zerstörte Deutschland gebracht hatten, war an sich schon aussergewöhnlich, aber der Hinweis, dass die Eidgenossenschaft, gemessen an Einwohnerzahl – seinerzeit etwa 4,3 Millionen – und finanziellem Aufwand unter allen Staaten, die Deutschland unterstützten, die grösste Last getragen hat und, so gesehen, vergleichsweise mehr als die Vereinigten Staaten leistete, war sehr bemerkenswert.» Haunfelder erinnert in diesem Zusammenhang an weitere Fakten, welche heute weitgehend verschwiegen werden: «Das Verhalten der Schweizer Bevölkerung mit ihrer Hilfe für das kriegsversehrte Deutschland ist um so bemerkenswerter, als sich die Schulden, welche das insolvente Naziregime am Ende des Krieges gegenüber der Schweiz hinterliess, auf 1,2 Milliarden Franken beliefen, nach heutigem (2007) Wert etwa 6 Milliarden Franken. Mit erpresserischen Mitteln hatte das ‹Dritte Reich› stets die schwierige Lage der Schweiz ausgenutzt und sich finanziell wie materiell an dem eingeschlossenen Land bedient. Entsprechend war die Stimmung gegenüber Nachkriegsdeutschland in dieser Frage angespannt. Erst 1952 einigten sich die Schweiz und Deutschland in einem Staatsvertrag, wonach die Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin des ‹Dritten Reiches› der Schweiz nur rund die Hälfte der Schulden zurückzahlen musste.» 1954 bedankte sich die Bundesrepublik Deutschland offiziell in Bern mit der Übergabe einer Skulptur mit der Inschrift «Dankesspende des deutschen Volkes».
Das Rote Kreuz – das Gewissen der Menschheit
Das Rote Kreuz ist das Gewissen der Menschheit. Unser Anteilnehmen an ihrer Tätigkeit, unser Mitwirken für eine soziale und gerechte Welt und für Frieden, Teil des Ganzen zu sein, machen unser ganzes «Mitmensch-Sein» lebendig. Alle grossen Rechtswerke von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, der Uno-Charta bis zum Humanitären Völkerrecht beinhalten dieses Streben und diese mitmenschliche Ethik. Gerade die Schweiz, die Eidgenossenschaft, hat hier eine reichhaltige Tradition, sie ist auch Depositarstaat der Genfer Konventionen und trägt für die Friedenspolitik eine grosse Verantwortung. Die neutrale Schweiz ist mit ihrem auf Gleichwertigkeit der Bürger und auf sozialen Ausgleich ausgerichteten direktdemokratischen Zusammenleben mit dem Wirken des Roten Kreuzes zutiefst verbunden. Neben dem Roten Kreuz besitzt die Eidgenossenschaft viele kirchliche, staatliche und zivile Hilfsorganisationen, die seit Jahrzehnten weltweit ausgezeichnete Entwicklungszusammenarbeit und Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Die Schweizerische Deza (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit) ist dafür ein Beispiel. Diese soziale Haltung ist die wertvollste Substanz der Schweiz, sie ist zugleich auch eine der wichtigsten anthropologischen Konstanten in der Kultur geschichte der Menschheit. Es ist die soziale Natur des Menschen, seine Menschenwürde, das Prinzip der gegenseitigen Hilfe und des Respekts unter den Menschen, was auch in allen Weltreligionen zu finden ist.
Zum
ausgezeichneten Buch über die „Bilder des Krieges – Krieg der Bilder“ eine
„Visualisierung des modernen Krieges“ von Gerhard Paul
Von Urs
Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen
Der
Buchverlag der Neuen Zürcher Zeitung überrascht immer wieder mit
ausgezeichneten Neuerscheinungen. (2004) Die hier vorliegende europaweite erste
Gesamtdarstellung der Geschichte des modernen Krieges und der Kriegsfotografie
wird sicher zu einem Standardwerk. Mit über 200 Abbildungen in Farbe und
Schwarz-Weiss und hochinteressanten Texten führt der Historiker und
Sozialwissenschafter Gerhard Paul auf 520 Seiten in die Fotografie, den Film
und in die elektronischen Medien der modernen propagandistischen
Kriegs-Bildersprache ein. Unter verschiedenen Gesichtspunkten geht der Autor
auf die komplexe Thematik ein. Erfreulich daran ist, dass er auch die
friedenspädagogischen und geschichtsdidaktischen Aspekte berücksichtigt, weil
Kriegsfotografien, so Gerhard Paul „immer auch gegenwärtige Einstellungen zum
Krieg prägen, dessen Akzeptanz verstärken oder verringern.“ Damit wird die
dringend nötige Belebung einer nachhaltig wirkenden Friedenspädagogik
angesprochen, gerade in einer Zeit, in der hochtechnologische und elektronische
Kriege geführten werden und der Einsatz von Atomwaffen „salonfähig“ werden
soll. Gerade die bei der Jugend weit verbreiteten Computerspiele und die darin
vielfach enthaltene Militarisierung und Brutalität führen zu einer verheerenden
Gewaltbereitschaft, Akzeptanz und Bewunderung von High-Tech- Kriegsführung. Viele
Bildberichte der modernen Krieg verdecken die Wahrheit der Brutalität des
Krieges und zeigen auch die wahren Absichten nie: „Was Kriege sind, warum sie
geführt werden, welche Folgen sie für die Menschen haben, erschliesst sich
nicht aus den Bildern“ schreibt Gerhard Paul und hält fest: „Die modernen
Bildmedien Fotografie, Film und Fernsehen - so eine zentrale These dieses
Buches – versuchten das katastrophisch antizivilisatorische Ereignis des
Krieges zu einem zivilisatorischen Akt umzuformen, ihm eine Ordnungsstruktur zu
verpassen, die dieser per se nicht besitzt. Auf diese Weise trugen und tragen
die medial generierten Bilder des Krieges zur immer wieder neuen Illusion
seiner Plan- und Kalkulierbarkeit bei.“
Dass Kriege
in den Köpfen einiger weniger Wahnsinnigen entstehen und dass dabei
geostrategische Ziele mit dem „industriell-militärische Komplex“ im Zentrum
stehen, wird in den Kriegsfotografien und den Medienberichten nicht sichtbar. (Das Buch von Peter Forster „Die
verkaufte Wahrheit – Wie uns Medien und Mächtige in die Irre führen“ bietet zu
dieser Thematik auch wertvolle Einblicke.) Immer wieder lesen wir auch
Meldungen, dass die US-Armee mit bezahlten Presseartikeln und propagandistisch
eingebundenen Fotografien den völkerrechtswidrigen „Irak-Krieg“ führen. So
berichtete die NZZ am 9.12.2005, dass in
Dutzenden Artikeln für die grossen Zeitungen Iraks beschönigende Beiträge von
US-Militärvertretern publiziert wurden,
„die nur dem Anschein nach von unabhängigen Journalisten verfasst wurden“.
„Hochrangige Mitarbeiter bestätigten, dass die Privatfirma Lincoln Group unter
Vertrag stand, um irakische Medienunternehmen mit vom US-Militär produzierten
und bezahlten Beiträgen versorgen.“ Auch wird kaum über die krass gegen die
Genfer Konventionen und Menschenrechte verstossenden geheimen Gefangenenlager
und Folterpraktiken berichtet. Kriegsfotografien und mediale Berichterstattung darf
nicht dazu missbraucht werden, um das wahnsinnige Morden und Bombardieren zu
rechtfertigen.Immer
gab es auch Fotoreporter, die gegen grosse Widerstände, unabhängig und ihrem
Gewissen folgend das wahre Schreckensbild des Krieges zeigten. Es ist deshalb
eine publizistische Verpflichtung, diese wahren Hintergründe der Bilder zu
zeigen. Daraus erwächst aber auch die Aufgabe, eine Ethik des Journalismus und
der Fotografie neu zu beleben. Die Ächtung des Krieges und das Mitarbeiten am
Frieden ist für die Pädagogik und Erziehung eine wichtige Aufgabe. Die
Wertschätzung des Dienstes am Mitmenschen und eines Beitrages für das
Allgemeinwohl muss als Erziehungs- und Bildungsziel wieder mehr im Zentrum
stehen. Der Jugend sollen Vorbilder der Völkerverständigung, gewaltloser
Konfliktlösung und die humanitäre Tradition vermittelt werden. Sie sind überall
in der Welt zu finden. In diesem Sinn können Kriegsfotografien einen wertvollen
Beitrag zur Friedenspädagogik in Schule und Elternhaus leisten.
Bildmedien im Dienst der Kriegspropaganda
In einem gut bebilderten Vorspann führt
Gerhard Paul in die ikonographischen Muster der Kriegsdarstellungen in Malerei
und Grafik von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert ein. Viele dieser Bilder
dienten den frühen Kriegsfotografen als Vorlagen, denn Erfindung und weite
Verbereitung der Fotografie vor 150 Jahren etablierte sich in allen Bereichen
des Lebens. Anfänglich waren die Auftraggeber das staatliche Kriegsministerium
mit ihren Sonderabteilungen und die bekannten Fotopioniere wie Roger Fenton der
allein vom Krim-Krieg (1853-1856) 360 Glasplatten-Fotografien herstellte. Schon
hier wurde ein regelrechter Propaganda- und „Pressekrieg“ geführt. 25‘000
britische, 55'000 französische und 70'000 russische Soldaten verloren in diesem
brutalen Stellungs- und Belagerungskrieg ihr Leben. Das war aber auf den
Fotografien nicht ersichtlich, auch hier sollte die Realität verschwinden und
der Auftrag war: „No dead bodies!“ Gerhard Paul schreibt dazu: „Die Negation
des Todes und die Ordnung des Krieges gehörten in der frühen Kriegsfotografie
wesensmässig zusammen und überzogen den modernen Krieg mit einem exkulpierenden
romantischen Schleier.“ Die Kriege in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts,
so der Amerikanische Bürgerkrieg, die deutschen Reichseinigungskriege, die
Pariser Commune und der Spanisch-Amerikanische Krieg von 1898 stellt der Autor
dar: „Die Kriege des 19. Jahrhunderts waren die ersten modernen Kriege der
Geschichte. Als solche bezeichnen wir jene durch den Einsatz von Massenheeren,
durch industrialisierte Schlachtfelder, durch neue mechanische Waffen wie das
Maschinengewehr und moderne Kommunikationsmedien wie die Telegrafie geprägte,
tendenziell unüberschaubar gewordenen Kriege, die über immer mehr Entfernung
Tod und Vernichtung brachten, in denen sich Kontrahenten selbst kaum mehr zu Gesicht bekamen.“ Allein im Amerikanischen
Bürgerkrieg (1861-1865) war das Elend dieses ersten wirklich industrialisierten
Krieges unbeschreiblich: „Mit seinen Übergriffen auf die Zivilbevölkerung, mit
der Verwüstung und Entvölkerung ganzer Landstriche bezifferten sich allein die
militärischen Verluste auf rund 618'000 Tote. Von ihnen starben etwa 200'000
Mann im Kampf oder an seinen direkten Folgen; der weitaus grössere Teil wurde
Opfer von Infektionen und Krankheiten.“ So zählte dieser Krieg mehr Opfer als
jeder andere im 19. Jahrhundert. Die Fotografien im reichbebilderten Band
machen deutlich, dass sich in den bisherigen Kriegen noch Fronten und Soldaten,
also einzelne Menschen mit einem Gewissen und noch einem Stück Menschenwürde
gegenüberstanden, so sollten die weiteren Kriege auch diese Dimension noch
ausschalten.
So brachte der Zweite Weltkrieg wiederum eine
unbeschreibliche Steigerung des Vernichtungspotentials zum „totalen Krieg“. Er
„bildet der Höhepunkt in der Geschichte des industrialisierten Krieges und der
Verschmelzung von Politik und Krieg unter dem Primat der Politik“ und Gerhard
Paul betont: „Mit dem Bestreben zur vollständigen Niederwerfung des Gegners und
zur völligen Zerstörung der feindlichen Macht hatten die Ziele und die Methoden
des Krieges totale Ausmasse angenommen. Unter Missachtung des internationalen
Rechts und allgemeiner moralischer Prinzipien brachten die Krieg führenden
Mächte alle verfügbaren Macht- und Zerstörungsmittel ohne jede Rücksicht gegen
den Feind zum Einsatz. Voraussetzung hierfür war die totale Mobilisierung
sämtlicher Ressourcen von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zum Zwecke der
Kriegsführung.“ Gerhard Paul zeigt das beeindruckende Foto von Dimitri
Baltermanz vom Frühjahr 1942 bei Kertsch auf der Krim, wo der Fotograf in einer
Bildserie unter dem Titel „Leid“ Frauen zeigt, die auf dem Schlachtfeld bei
einem Massaker der SS-Wehrmacht ihre ermordeten Angehörigen suchen, nachdem die
Schneeschmelze den Blick auf die Toten freigegeben hatte. Das Bild durfte
während des Krieges nicht publiziert werden, da es als „defätistisch galt, die
Menschen in ihrem Leid abzulichten“. Nur ganz klein wurde das Foto 1942 in
einer Zeitschrift veröffentlicht, erst in den 1970er Jahren konnte es, auch als
Dokument des Pazifismus verbreitet werden. Ganz eindrückliche Aufnahmen, die
das wahre Gesicht des Kriegs zeigten wurden vom Fotoreporter Robert Capa
(1913-1954) bekannt. Auch er kam wie viele andere Kriegsreporter bei seiner
Arbeit ums Leben, Capa wird 1954 in Nord-Vietnam, beim Fotografieren einer
Gruppe französischer Soldaten von einer Landmine getötet. Gerhard Paul zeigt
auch ausführlich Fotografien des Nazi-Terrors und die Schreckensbilder der
Konzentrationslager und des Bombenkrieges über den deutschen Städten. Wie dabei
von den Alliierten systematisch und grausam vorgegangen wurde und die
Zivilbevölkerung in Schutt und Asche bombardierte hat Jörg Friedrich mit seinen
Büchern verdienstvoll aufgearbeitet. Dass schon damals genaue Luftaufnahmen der
Konzentrationslagern und ihrer Zufahrtsbahnlinien bekannt waren und es ein
leichtes gewesen wäre, die Zufahrt zu diesen entsetzlichen Vernichtungslager zu
bombardieren, ist noch eine dringende Aufgabe der heutigen
Geschichtsaufarbeitung.
Kriegsfotografien als Beitrag zur Antikriegsbewegung
Mit der Visualisierung des modernen Krieges im
20. Jahrhundert mit dem Ersten Weltkrieg, dem Spanischen Bürgerkrieg, dem
Zweiten Weltkrieg und dem Vietnam-Krieg werden bereites viele Neuerungen in der
medialen Praxis sichtbar. Im mehr als 10 Jahre dauernden Vietnam-Krieg wurden
die Fotoberichterstattung und besonders die Fernsehbilder besonders wichtig.
Nicht nur als propagandistische Rechtfertigung des Krieges gegen ein schon
unter dem Kolonialismus leidenden Land, sondern auch erstmals als abschreckende
Wirkung von Kriegsbildern. Dass dabei zwischen 700'000 und zwei Millionen Tote
sowie 300'000 Vermisste auf vietnamesischer Seite geschätzt werden und „von den
drei Millionen Amerikanern die zwischen 1961 und 1973 in Vietnam Dienst taten,
bezahlten 58'000 Soldaten ihren Einsatz mit dem Leben. In Südvietnam
hinterliess der Krieg 900'000 Waisen, eine Million Witwen und 200‘000
Prostituierte. Im Norden des Landes wurden alle städtischen Industriezentren
sowie etwa 70 Prozent der landwirtschaftlichen Genossenschaften durch
Luftangriffe schwer beschädigt. Im Süden zerstörte der Krieg 60 Prozent aller
Dörfer. Mehrer Millionen Hektar land und Wald wurden durch Minen, Herbizide,
Entlaubungsmittel und Pflanzengifte vernichtet.“ Die Grausamkeiten des
Vientnam-Krieges führten nicht zuletzt durch Fotografien und Berichte zu einer
Mobilisierung der amerikanischen Bevölkerung und er Weltöffentlichkeit und
Amerika musste sich zurückziehen.
„Die Wende in der visuellen
Kriegsberichterstattung aus Vietnam markierten vor allem die Aufnahmen von zwei
jungen amerikanischen Fotografen, die zu Ikonen des Vietnam-Krieges werden
sollten: die Fotografien von Eddie Adams 1968 aus Saigon und die Bilder des
Militärfotografen Sergeant Ronald Haeberle 1996 aus My Lai“. AP-Reporter Adams
fotografierte den grauenhaften Augenblick der Erschiessung eines gefesselten
Vietcong-Angehörigen durch den mit einer Pistole bewaffneten Polizeichef von
Südvietnam General Nguyen Loan, auf offener Strasse. Das Bild erschien in allen
grossen Zeitungen und wurde später in Tausenden von Blättern in aller Welt
reproduziert. Auch das Bild des Massakers an Mütter und Kindern in My Lai im
März 1968 wurde als abschreckendes Beispiel des Krieges weltweit verbreitet.
Die Fotografie der Tötung von Frauen und Kinder
durch eine Gruppe von amerikanischen Soldaten unter der Leitung von Lieutenant William L. Calley jr. haben
auch Künstler und Gruppen von Kriegsgegner für wirkungsvolle Plakate verwendet.
Der für Amerika äusserst kostspielige und sehr lange Vietnam-Krieg hat bis
heute seine negativen Auswirkungen, nicht nur für die USA sondern für die
betroffenen Ländern und die Weltwirtschaft.
Verdeckte High-Tech-Kriege und Kriegspropaganda der Gegenwart
Mit dem Golf-Krieg und der „Operation
Wüstenmaulkorb“ wurde ein neues Verhältnis von Militär und Medien
durchexerziert. Damit sollte ein „zweites Vietnam“ verhindert werden. Nur
bestimmte zu einem Pool zugelassene Journalisten wurden mit ganz
propagandistisch ausgewählten „Informationen“ versorgt. Nur 178 von 1.600
Korrespondenten wurden in den Pool aufgenommen und aus „erster Hand“ versorgt.
„Erst nach Ende der Kämpfe erhielten einige Kamerateams und Fotografen die
Erlaubnis Aufnahmen von dem zerstörten irakischen Konvoi auf der Strasse nach
Basra zu machen.“
Diese Taktik sollte in Zukunft noch verfeinert
werden. Gerhard Paul bezeichnet die Merkmale der heutigen globalen
Fernsehberichterstattung mit den Begriffen „Beschleunigung, Fiktionalisierung
und Entertainisierung“. Die heutigen mit viel, Technologie, Elektronik,
Fälschung und Manipulation geführten „postmodernen Kriege“ der Gegenwart zeigen
die Schrecken des Tötens und die Leiden der Zivilbevölkerung nur noch am Rand.
Dafür werden „Echtzeit-Kriegsbilder“ fast zeitgleich mit dem Kriegsgeschehen
live am Fernsehen Bilder gezeigt. Diese Bilder sollen durch eine genau
Inszenierung, Zensur und Manipulation die Rechtfertigung und den „Erfolg“ der
grauenvollen Kriegsgreuel vortäuschen. Durch die Geschwindigkeit der Bildfolgen
und täglichen „News“ kann der Betrachter die „Informationen“ nicht mehr überprüfen,
der Zuschauer erhält bewusst keine Zeit zum Nachdenken, sondern wird mit
Kommentaren und Fotografien von „eingebetteten“ Reportern regelrecht zugedeckt.
In Tat und Wahrheit sind die wenigsten Bilder wirklich „live“ vom unmittelbaren
Kriegsschauplatz gesendet worden: „Eine Ausnahme bildeten die Berichte der drei
CNN-Reporter Bernard Shaw, Peter Hollimann und Peter Arnett, die die ganze
Nacht vom Dach eines Hotels in Bagdad die Bombenangriffe auf die irakische
Hauptstadt als ästhetisches Spektakel geschildert und die Lichter mit einem
Christbaum verglichen hatten.“ Die „Live-Suggestion“ beruhte weitgehend auf dem
Zuschalten der verschiedenen Korrespondenten in aller Welt, die ihren meist
vorfabrizierten Kommentar beisteuerten.
Viel zu wenig bekannt wurde die skandalöse
Lügenpropaganda im Golf-Krieg. Dort wurden Erfahrungen vom Kosovo-Krieg 1999
angewendet. So arbeitet Hill & Knowlton (H&K), eine der grössten
PR-Agenturen der USA, mit gefälschten Bildmaterialien und Gräuelgeschichten. So
deckte John R. MacArthur die so genannte „Brutkasten-Story“ als ein Produkt
dieser Agentur auf. „Als Beweis für die Grausamkeit des irakischen Diktators
Saddam Hussein und seiner Truppen präsentierte man der Weltöffentlichkeit ganz
in der Tradition der gegen Deutschland gerichteten alliierten Gräuelpropaganda
des Ersten Weltkrieges die mit dem Seriositätsstempel von Amnesty International
versehene Geschichte einer angeblichen kuwaitischen Krankenschwester. In
Ermangelung authentischer Bilder berichtete diese vor dem Arbeitskreis für
Menschenrechte im US-Kongress auf dem Capitol und vor den Fernsehkameras unter
Tränen mit angesehen zu haben, wie irakische Soldaten in einem Krankenhaus in
Kuwait-City Babies aus den Brutkästen gerissen und auf dem kalten Fussboden
zurückgelassen hatten, wo diese dann gestorben seien. Wie sich erst später
herausstellte, handelte es sich bei der ‚glaubwürdigen Augenzeugin‘ um die von
H&K präparierte 15jährige Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA.
Eine im UN-Sicherheitsrat wenige Tage später vorgestellte audiovisuelle
Präsentation von H&K unterfütterte die Geschichte der marodierenden und
mordenden irakischen Soldaten mit weiteren vermeintlichen ‚Augenzeugen‘. Die
10,8 Millionen Dollar teure Gräuelkampagne verfehlte nicht ihr geplantes Ziel.
Am 29. November 1990 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat die Resolution 678,
mit der seine Mitgliedstaaten ermächtigt wurden die irakischen Truppen mit
militärischer Gewalt aus Kuwait zu vertreiben.“
Gerhard Paul listet unzählige Beispiele auf,
die eine unglaublich Irreführung und Verharmlosung des Kriegs durch die Medien
zeigen. Krieg wurde so zunehmend zu einem inszenierten TV-Infotainment, wo die
wahren Hintergründe, die Leiden der Bevölkerung, der Kinder und Soldaten sowie
die unzähligen Toten nicht mehr zu sehen sind. Auch die von den Presseagenturen
eingespeisten Zielbilder und –videos der Kampfflugzeuge und die von Generälen
geführten Pressekonferenzen wo Luftaufnahmen auf Angriffsziele fast
schulmeisterlich erläutert werden, sollen das Bild eines „sauberen
High-tech-Krieges“ vermitteln. Menschen werden dabei nicht mehr gezeigt. Ganz
krasse Beispiele von Desinformation und Lügenpropaganda waren im Kosovo-Krieg
zentral. So wurden der Weltöffentlichkeit als Beweis für die Schuld des
rumänischen Diktators Ceausescu ein Massengrab mit Leichen gezeigt, „bei denen
es sich nachweislich um Personen handelte, die alle eines natürlichen Todes
gestorben waren“. Zum Zweck der medialen Schuldbehauptung hatte man sie aus den
Kühlräumen des städtischen Krankenhauses entwendet und medial zur Schau
gestellt.“ Der Kosovo-Krieg benötigte „nicht mehr Hunderttausende von Soldaten.
Es war der erste Krieg, der von alliierter Seite ohne Bodentruppen geführt
wurde. Mit der Dominanz der Luftwaffe wurde der Krieg zum totalen Krieg, der
die Zivilbevölkerung neben den unmittelbaren militärischen Objekten zum
entscheidenden Ziel machte. Erstmals schien die neue Option auf, dass es
möglich sei, den Gegner zu schlagen ohne ihm tatsächlich auf dem Boden zu
begegnen. De facto wurde der Krieg daher von maximal 1.500 NATO-Fliegern und
einer kleinen Elite der serbischen Luftverteidigung praktizierte, Gegner also,
die sich selber nie zu Gesicht bekam. Innerhalb von wenigen Sekunden hatten
junge Piloten bzw. Waffensystemoffiziere auf ihren 10-mal 10-Zentimeter grossen
Bildschirmen ihr Ziel zu identifizieren und die Entscheidung zum Abschuss ihrer
vermeintlichen Präzisionswaffen zu treffen.“ Bei diesen Angriffen werden zivile
Opfer als „Kollateralschäden“ bezeichnet und das humanitäre Völkerrecht wird
permanent verletzt. Die grundlegendsten internationalen Standards für das
Verhalten im Krieg werden nicht mehr eingehalten. So wurden in den Kriegen der
Gegenwart vom Kosovo und Afghanistan bis zum Irak der Schutz der Bevölkerung,
Spitäler, Schulen, Museen usw. in keiner Weise eingehalten. Gerade darauf
hinzuweisen, wäre die Pflicht der Medien und Reportagen. Mit dem „Krieg gegen
den Terror“ werden sogar die grundlegendsten Bürgerrechte und rechtsstaatlichen
Grundlagen ausgeschaltet. Tausende von „angeblichen terrorverdächtige Personen“
werden ohne Rechtsgrundlagen ausspioniert, verhaftet und gefoltert. Mit der
wahnsinnigen Kriegserklärung von US-Präsident Bush: „Entweder ihr seid auf
unserer Seite, oder ihr seid auf der Seite der Terroristen“ werden ganz direkt
auch den geltenden Menschenrechten den Krieg erklärt.
So werden zahlreich wertvolle
Hintergrundinformationen über die zahlreichen Kriege der jüngeren Vergangenheit
und der Gegenwart auch über die Anschläge vom 11.9.2001 und den Krieg in Afghanistan
vermittelt, wovon vieles davon nie in den Medien zu erfahren war.
Kriegsbildern im Dienst der Friedenspädagogik
Es wird
beim Studium des Buches deutlich, dass vor keiner Lüge, Fälschung, Irreführung
und Manipulation für Kriegszwecke zurückgeschreckt wird. Die Brutalität des
Krieges darf nicht verschleiert werden.
Der Wahnsinn, das Leid und der Schmerz der Menschen muss fühl- und sichtbar
werden, denn eine grausame Fotografie zeigt nur einen Bruchteil des Elends,
denn die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer. Die journalistische Arbeit mit
den modernen Bildmedien, Fotografie und Film, aber auch mit den elektronischen
Medien Fernsehen und Internet erfordert neben Fachwissen ein hohes Ethos und
Verantwortungsgefühl. Dies muss von der Bevölkerung, den Empfänger der
Informationen auch immer wieder eingefordert werden. Deshalb ist die Lektüre
dieses Buches besonders empfehlenswert, gerade auch bezüglich des gegenwärtigen
vökerrechtswidrigen Irak-Krieges und dem geplanten Iran-Krieges. Der Autor
belegt, dass die wahren Gründe der Kriege nie gezeigt werden und die Fotografen
und Medien meist eingespannt werden sollen, die tatsächlichen Schrecken, der
grässliche Tod und das unsägliche Leid der betroffenen Bevölkerung und Soldaten
nicht zu zeigen: „Bereits eine Produktanalyse der visuellen
Kriegsberichterstattung macht deutlich, dass die technisch wie die elektronisch
erzeugten äusseren Bilder des Krieges bis auf wenige Ausnahmen nichts anderes
als der Versuch sind, den Krieg zu humanisieren und den Kriegstod wenn nicht
ganz zu verdammen, so ihn doch zu ästhetisieren bzw. zu entkörperlichen.“ Das
Buch gehört nicht nur in die Hände friedensliebender Zeitgenossen, es kann auch
für die Schule, den Unterricht und die Friedenspädagogik wertvolle Zugänge
ermöglichen. Auch für jüngere Schüler kann ein Bezug gefunden werden: Der Krieg
darf niemals auf das Niveau von Videospielen reduziert werden und Bildung soll
dem Wohl der Menschen und der ganzen Weltgemeinschaft dienen! Für die Oberstufe
und das Gymnasium leistet es auch für den Geschichtsunterricht, für Medienkunde
und fächerübergreifende Unterrichtsprojekte gute Dienste. Gerhard Paul betont:
“ Der Medienpädagogik, der Kulturwissenschaft und der Geschichtsdidaktik fallen
in diesem Kontext eine erhebliche friedenspädagogische Verantwortung zu“ und
beendet seine umfassende Darstellung ganz in diesem Sinn mit den Worten: „In
die Rezeption der Bilder kriegerischer Gewalt ist so immer auch die Utopie
eingeschrieben: So möge es nicht
sein!“ und er fügt hinzu „In der Konsequenz geht es um nichts anders als um
eine visuelle Entmilitarisierung und Entbarbarisierung der Köpfe“ und er
bezieht sich auf die UNESCO-Präambel von 1945: „Da Kriege im Geist der Menschen
entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden.“
„Es gibt nicht nur ein Lambarene, jeder kann
sein Lambarene haben“
Zum 2005 erschienenen und leider bereits
vergriffenen Buch: „Mit dem Herzen einer
Gazelle und der Haut eines Nilpferdes – Albert Schweitzer in seinen letzten
Lebensjahren und die Entwicklung seines Spitals bis zur Gegenwart“von Jo
und Walter Munz.
von Urs Knoblauch, Pädagoge und Kulturpublizist, Fruthwilen TG
Überall in der Welt findet man Menschen, die sich uneigennützig
in den Dienst der Ärmsten und Hilfesuchenden stellen. Es sind oft Menschen, die
bescheiden und kompetent im Hintergrund wirken. Sie bauen Hilfswerke auf oder
leisten in humanitären Organisationen vorbildliche Arbeit. Sie alle sind
Hoffnungsträger der Mitmenschlichkeit, eines gelebten Christentums und des
Friedens. Die Schweiz hat eine wertvolle humanitäre Tradition und es ist eine
wichtige Erziehungsaufgabe, diesen grossen Schatz über die Generationen
weiterzugeben. Die Bevölkerung, viele Vereine und Vereinigungen, die beiden
Landeskirchen und viele Hilfsorganisationen leisten immer wieder beeindruckende
Hilfe, nicht nur in aktuellen Notlagen. Auf der ganzen Welt finden wir solche
vorbildlichen Hilfswerke und Persönlichkeiten, die für die junge Generation
Vorbilder ihrer Lebensgestaltung werden. Das Wirken Albert Schweitzers stellt
einen unschätzbaren Beitrag zu „Kultur und Frieden“ dar und es liegen auch
zahlreiche Texte und Publikationen des grossen Humanisten und verschiedener
Autoren zu dieser Thematik vor. Wenn die Lektüre dieser Bücher und Texte den
Menschen innerlich so ansprechen, dass daraus Konsequenzen gezogen werden, so
wie es Albert Schweitzer ausdrückte: „Es
gibt nicht nur ein Lambarene, jeder kann sein Lambarene haben“.
Mitmensch sein und
Verantwortung übernehmen
So war es auch beim jungen Mediziner Walter Munz, der sich
schon früh am Wirken von Albert Schweitzer (1875-1965) orientierte. Er hatte
den Wunsch, nach seinem Studium und der nötigen beruflichen Erfahrung nach
Lambarene zu gehen. Er wurde noch von Albert Schweitzer persönlich als
Nachfolger bestimmt und war während vielen Jahren als Chefarzt und Direktor
zusammen mit seiner Frau und einem engagierten Mitarbeiterteam in Lambarene
tätig. Walter und Jo Munz sind in Will /SG wohnhaft und haben drei erwachsene
Töchter. Walter Munz war nach seinem Medizinstudium und der Spezialausbildung
in Allgemeinchirurgie seit 1961 während 10 Jahren in Lambarene, dann war er
während 18 Jahren als Chirurg im Spital in Wil/SG in der Schweiz tätig und von
1991 bis 1998 leitete er die Sozialmedizinische Krankenstation für Suchtkranke
und Aidspatienten „Sune-Egge“ in Zürich. Seine Frau war als Hebamme und
Krankenschwester in Holland, Südafrika und in Lambarene tätig. In der Schweiz
war sie langjährige freiwillige Betreuerin von Gefangenen und Mitarbeiterin in
Kontakt- und Anlaufstellen für drogenabhängige Menschen. Als Maltherapeutin
gründete Jo Munz 1999 das „Atelier d’expression et de création“ im
Albert-Schweitzer-Spital von Lambarene. Die verschieden Jahresberichte und
maltherapeutischen Arbeiten geben einen guten Einblick in die grosse kreative
Betreuungsarbeit. Walter Munz und seine Frau wirken bis heute mit ganzer Kraft
für die Weiterführung des Urwaldspitals mit den Schweizerischen und
internationalen Hilfsvereinigungen für das Albert Schweitzer-Spital.
„Am Menschen Gutes
tun“
Das 2005 erschienene und leider bereits vergriffene Buch: „Mit dem Herzen einer Gazelle und der Haut
eines Nilpferdes – Albert Schweitzer in seinen letzten Lebensjahren und die
Entwicklung seines Spitals bis zur Gegenwart“ von Jo und Walter Munz
enthält sehr eindrückliche und gut lesbare Erlebnisberichte von zahlreichen
Mitarbeitern des weltberühmten Urwalddoktors. (Verlag Huber, CH-8501
Frauenfeld, ISBN 3-7193-1381-6). Zum ersten Mal wird die Spitalgeschichte von
Lambarene bis in die Gegenwart dargestellt. Auch die Ausgabe in französischer
Sprache ist vergriffen und es ist zu
hoffen, dass das Buch neu aufgelegt wird. Erfreulich ist, dass demnächst eine
englischsprachige Ausgabe erscheinen wird. Die grosse Nachfrage nach diesen
Büchern ist ein Zeichen der Hoffnung, dass die junge Generation einen Sinn im
Leben sucht und zu Gerechtigkeit und zum Gemeinwohl aller Menschen auf diesem
Globus beitragen möchte. Den Publikationen ist eine grosse Ausstrahlung zu
wünschen.
„Lambarene“ ist der Name der kleinen Stadt am Flussufer des
Ogowe wo Albert Schweitzer sein Spital gründete. Der ursprüngliche Name
„Lembareni“ bedeutet in der dortigen Galoa-Sprache „Wir wollen es versuchen!“
Jo und Walter Munz betonen im Buch, dass grosse Anstrengungen und umfassende
Fähigkeiten nötig sind, um Lambarene zu erhalten: „Wer in Afrika etwas Rechtes leisten will, braucht das Herz einer
Gazelle und die Haut eines Nilpferdes. Zur Vorstellung der Gazelle gehören Wachsamkeit, Mut,
Risikobereitschaft und ausdauernde Rennfähigkeit. Dies alles haben wir in
Lambarene nötig. Vom Nilpferd brachten
wir das Beharrungsvermögen und seine dicke Haut als Symbol des Schutzes gegen
Angriff und Kritik. Für uns Nachfahren ist auch das Gedächtnis des Elefanten
notwendig, damit wir Albert Schweitzer nicht vergessen.“ Denn, so schreiben
die Autoren weiter: „Albert Schweitzer,
seine Botschaft der Ehrfurcht vor dem Leben und die Erinnerung an sein Spital
in Gabun, Äquatorialafrika, rücken allmählich in die Vergangenheit. Aber sie
dürfen nicht in die Vergessenheit absinken. Der Doktor hatte seiner Tochter
Rhena Schweitzer-Miller für die Zeit nach seinem Tode die Verwaltung des
Krankendorfes übergeben. Mir hatte er seine Nachfolge als Chefarzt des Spitals
anvertraut. Im Sommer des Jahres 2000 besuchte Frau Rhena das Spital ihres
Vaters zum letzten Mal, gemeinsam mit uns beiden. Miteinander erzählten wir
gerne von unseren Erlebnissen aus früherer Zeit. Im Besonderen gaben wir die
Erinnerung an die zwei gabunischen Hüterinnen des Museums weiter. Diese beiden
Frauen haben den Besuchern das alte Spital zu zeigen. Wir hatten mit ihnen
interessante Stunden des Erzählens und des Fragens. Zum Schluss wollte eine der
Afrikanerinnen wissen: Ist es wahr, was wir gehört haben? Hat der Grand Docteur
wirklich die Atombombe erfunden? Wir waren perplex über diese in sympathischer
Arglosigkeit gestellte Frage. Sie bezeugte eine fast unglaubliche Lücke im
Verständnis von Albert Schweitzer.“ Dieses Erlebnis trug unter anderem zum
Entschluss bei, Albert Schweitzers Kernanliegen und Wirken der „Ethik von der
Ehrfurcht vor dem Leben“, die Spitalentwicklung und die Berichte von
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Zeitzeugen aus den letzten fünf
Lebensjahren von 1961 bis 1965 von Albert Schweitzer in einem Buch
festzuhalten: „Am Abend dieses Tages
entstand der Gedanke, unsere Erfahrungen mit Albert Schweitzer und seinem
Krankendorf aufzuschreiben. Er hatte 1913 gemeinsam mit seiner Frau Helene
‚Lambarene‘ gegründet und bis zu seinem Tod im Jahr 1965 geleitet. Sein Spital
arbeitet auch heute intensiv weiter und stellt sich immer aufs Neue den
Herausforderungen der Zeit.“
Die „Ethik der Ehrfurcht
vor dem Leben“
Albert Schweitzers allgemeingültige „Ethik von der Ehrfurcht
vor dem Leben“ geht wie eine Melodie durch das Buch. Die Berichte vermitteln
einen sehr guten Einblick in das Leben und Wirken des Urwalddoktors. So
berichtet Rhena Schweitzer-Miller (Schweiz/USA) wie sie in ihrem kleinen Labor
zu dritt arbeiteten: „Wir konnten etliche
bakteriologische Untersuchungen durchführen zur Entdeckung von Tuberkulose,
Lepra, Gonorrhoe, und wir prüften auch die Rückenmarksflüssigkeit auf die
Erreger von Syphilis und Schlafkrankheit. (...) Wir konnten jetzt Blutgruppen
bestimmen und Bluttransfusionen geben. Dies wurde immer wichtiger wegen der
Zunahme von Unfällen, deren Opfer ins
Spital gebracht wurden.“ Christiane Engel (Schweiz/USA), die Enkelin
Schweitzers erinnert sich an die Lehrjahre als Jugendliche und als
Medizinstudentin: „Zwischen 1958 und 1967
verbrachte ich meine jährlichen Schulferien – und später die Semesterferien
meiner Universität – in Lambarene, lernend und arbeitend im Spital meines
Grossvaters Albert Schweitzer. Die dort verbrachte Zeit war von unermesslicher
Bedeutung für mich (...) Seine Idee der Ehrfurcht vor dem Leben spürte ich in
meinem Innersten. Sie war überall gegenwärtig und überzeugend spürbar. In
meiner kindlichen Welt bedeutete ‚Lambarene‘ das Paradies auf Erden, wo
Menschen, Tiere und Pflanzen in Harmonie miteinander lebten und wo Leiden
Erlösung fand.“ Jo Munz-Boddingius (Holland/Schweiz) erinnert sich gern an
Rhena, „der Tochter von Albert
Schweitzer. Sie kam für sechs Monate und arbeitete im Labor. Rhena ging in
offenen hölzernen Sandalen und trug ein kleines blaues Hütchen. Es war, als ob
ein frischer Wind durch das Spital blase, und ich bewunderte ihre Art, wie sie
mit allen Krankenschwestern umging, mit jungen und älteren...“ Mit
Dankbarkeit berichtet Margrit Stark-Bernhard (Schweiz) von ihrer Tätigkeit in
der ‚Lingère‘, wo Waschfrauen, Büglerinnen, Schneider und Matratzenmacher
zusammenarbeiteten: „Mit meinen 21 Jahren
war ich eigentlich noch zu jung für diese grosse Aufgabe. Am Anfang hatte ich
in Lambarene ein Zimmer neben der Hebamme Joan Boddingius – heute Jo Munz. Sie
half mir, mich einzugewöhnen. Ihre uneigennützige Freundschaft werde ich nie
vergessen.“ Daniel Lourdelle (Frankreich/Kanada) gibt in seinem Bericht
Einblick, wie er mit Albert Schweitzer immer bessere Häuser aus Beton, vom Sand
und Steinen des Ogoweflusses baute: „Mit
der Zeit waren über 70 Gebäude entstanden – ohne Lepradorf mitzuzählen...“ Poul
Erik Rasmussen (Dänemark/Kanada) erinnert sich im Bericht „Als Zimmermann bei
Albert Schweitzer“ an das Glockengeläut zu Beginn und am Ende des
Arbeitstages. Beeindruckend ist auch der Bericht der Hausbeamtin im Spital, die
dort auch ihren Verlobten fand: „Als
kleines Mädchen hörte ich schon von Albert Schweitzer, durch meine Eltern und
die Lehrerin der Schule. Er beeindruckte mich. Wir sparten unser Taschengeld
für die Lambarene-Büchse auf dem Pult der Lehrerin, und wir strickten weisse
Baumwoll-Binden. Ich nahm mir vor, später in Lambarene zu helfen.“ Nach
ihrer Ausbildung an der Hausbeamtinnenschule in St. Gallen war sie dann
tatsächlich seit 1962 mit grosser Befriedigung in Lambarene tätig und erzählt
auch vom wunderschönen Musizieren mit dem Grand Docteur und der Mitarbeit bei
der Korrespondenz: „Die Zeit in Afrika
wurde wohl die wichtigste meines Lebens.“ Mit einem Bezug auf Schweitzers
Buch von 1921 „Zwischen Wasser und Urwald“ wird auf die Schrecken der
Kolonialzeit Bezug genommen: „Was haben
die Menschen draussen Gutes tun wollen oder nicht, sondern wir müssen es. Was
wir an ihnen Gutes erweisen, ist nicht Wohltat, sondern Sühne. Dies ist das
Fundament, auf dem sich Erwägungen aller ‚Liebeswerke‘ draussen erbauen müssen.
Die Völker, die Kolonien besitzen, müssen
wissen, dass sie damit zugleich eine ungeheure humanitäre Verantwortung
gegen die Bewohner derselben übernommen haben (...) wir müssen aus dem Schlafe
erwachen und unsere Verantwortung sehen.“
Albert Schweitzer selber, wurde durch einen Aufruf der Evangelischen
Pariser Mission 1904 auf Lambarene aufmerksam. Das Krankheitselend der
Schwarzen im ‚Congo‘, der damaligen französischen Kongo-Kolonie, bewogen ihn ab
1913 seine Hilfsarbeit dort zu beginnen, die sein Leben lang dauern sollte. Zusammen
mit seiner engagierten Ehefrau Helen Schweitzer-Bresslau, die einen bedeutenden
Einfluss auf das Denken und Handeln ihres Mannes hatte, bauten sie gemeinsam
das Urwaldspital auf.
„Friede oder Atomkrieg“
Bei der Lektüre des Buches öffnen sich viele Bezüge zu den gegenwärtigen
Kriegsverbrechen und sozialen Ungerechtigkeiten. Ein besonders aktuelles
Kapitel ist der Friedenstätigkeit Albert Schweitzers gewidmet. In seinem ganzen
Wirken steht dies im Zentrum. Bekannt wurde sein Einsatz in den 50er und 60er
gegen den Kriegswahnsinn, gegen Atomwaffen und Aufrüstung. Seine Briefe an
Kennedy und Chruschtschow und deren zum Teil bis heute nie veröffentlichten
Antworten sind hier wiedergegeben: „Wir
sind in den beiden Weltkriegen in Unmenschlichkeit versunken und nehmen uns
vor, in einen kommenden Atomkrieg noch tiefer darin zu versinken“. Ein
Bruchteil der heutigen milliardenschweren Rüstungsausgaben würden ausreichen,
um überall auf der Welt viele „Lambarenes“ zu schaffen, Armut und Not zu
überwinden. Jo und Walter Munz erinnern sich: „Eindrücklich war der Besuch von Clara Urquhart aus Südafrika und
England. Sie hat sich gemeinsam mit Bertrand Russel, Albert Einstein und Albert
Schweitzer gegen die Atomwaffen eingesetzt.“ Auch dafür ist der grosse
Humanist und Urwalddoktor uns heute ein Vorbild. Im letzten Teil des Buches
werden die gegenwärtigen Aufgaben und Probleme für die Weiterführung des
Urwaldspitals behandelt.
„Jede
Generation muss ihre Aufgaben selber lösen“
Für Schule und Elternhaus
stellt sich die dringend nötige Besinnung auf eine nachhaltige
Friedenserziehung. Die Schulreformen und die Erziehungsdiskussion sollten auf
die inhaltlichen Anliegen der Ehrfurcht vor dem Leben gerichtet werden. Nur
dadurch wird eine verlässlichen Grundlage für die Schaffung von Frieden und
Gerechtigkeit möglich. Vom kleinen Kind bis hinauf zum Lehrling oder Studenten kann
diese Ethik im Lebensalltag in der mitmenschlichen Beziehung gelegt werden. Die
Frage nach dem Sinn von Schulbildung, Schulerfolg, beruflicher Karriere oder
Reichtum muss wieder auf den Dienst am Mitmenschen, das Mitgefühl mit den
Armen, die Schaffung von Frieden und auf konstruktives Mitwirken am Gemeinwohl
im engeren und weiteren Umfeld auf dieser Welt gerichtet werden. Dazu verhilft
die Lektüre aller greifbaren Bücher von Albert Schweitzer und auch vergriffene
Bücher wie das von Walter Munz „Albert Schweitzer im Gedächtnis der Afrikaner
und in meiner Erinnerung“ aus der Reihe der Albert-Schweitzer Studien. Der
Hoffnung von Jo und Walter Munz ist
beizupflichten: „Wir hoffen, dass die
Ehrfurcht vor dem Leben, welche Albert Schweitzer in Lambarene fand und lebte,
weit über die Grenzen von Gabun und von Afrika hinaus viele Menschen erreiche
und bewege. (...) Sie setzt uns in eine lebendige Beziehung zu aller Kreatur,
und sie hilft uns Menschen auf der Suche nach dem Frieden.“ Dem ganzen
Wirken von Albert Schweitzer und seinen Nachfolgern ist eine grosse
Ausstrahlung zu wünschen.
Zur Wanderausstellung «75 Jahre Schweizerisches Jugendschriftenwerk – 50 Jahre SJW-Stiftung» in der Zentralbibliothek Zürich
von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen TG
Bis zum 15. Januar 2007 kann die Wanderausstellung «75 Jahre Schweizerisches Jugendschriftenwerk – 50 Jahre SJW-Stiftung» am idealen Ort in den würdevollen Räumen der Zentralbibliothek Zürich besucht werden. Dort werden seit 1972 die Originalillustrationen der traditionsreichen SJW-Hefte aufbewahrt. Zum 75-Jahre-Jubiläum des SJW-Verlags und zum 50-Jahre-Jubiläum der SJW-Stiftung wird diese wertvolle pädagogische Bildungs- und Verlagsarbeit gewürdigt. Zahlreiche, längst vergriffene Originalhefte, von namhaften Autoren verfasst und von bekannten Künstlern illustriert, sind an der Ausstellung zu bewundern.
Gegen 50 Millionen SJW-Hefte, mit Auflagen bis zu 500 000 Exemplaren, in den vier Landessprachen der Schweiz erreichten das junge Publikum. Viele Erwachsene erinnern sich heute noch gerne an diese ersten aufbauenden Leseerlebnisse als Jugendliche. Verantwortungsbewusste Pädagogen und Erziehungsbehörden schufen vor 75 Jahren eine Stiftung und ein Jugendschriftenwerk, welches die Jugend vor der aufkommenden damaligen «Schmutz- und Schundliteratur» schützen sollte. Anspruchsvolle, unterhaltsame und preisgünstige Literatur mit Vorbildwirkung sollte in Schule und Elternhaus Verbreitung finden und die Jugendlichen für das konstruktive Zusammenleben vorbereiten. Anschliessend wandert die Ausstellung ins Gutenbergmuseum nach Fribourg, dann in die Zentral- und Hochschulbiliothek Luzern und schliesslich an die Solothurner Literaturtage. Zum Jubiläum ist eine reichillustrierte Publikation «Ein geistiges Rütli für die Schweizer Jugend» zur Geschichte des Jugendschriftenwerks von Charles Linsmayer erschienen. Die Ausstellung und der Katalog geben auch einen guten Einblick in eine interessante Epoche der schweizerischen Kulturgeschichte. Das Heranführen der jungen Generation an pädagogisch gute Jugendliteratur, gute Filme und an das Mitleben mit den Freuden und Leiden in der eigenen und fremden Welt wird gerade heute für alle Erzieher, für Schule, Elternhaus und Gesellschaft zu einer wichtigen Aufgabe und zu einem dringend nötigen Beitrag einer nachhaltigen Friedenserziehung.
Kampf gegen Schundliteratur
Der konkrete Anlass für den Aufbau des Jugendschriftenwerks war ein alarmierender Vorfall 1928 im Zürcher Riedtli-Schulhaus. Dort ist «die Idee zu einem schweizerischen Jugendschriftenwerk im Kreis von Lehrern entstanden, die der Gefährdung der Jugendlichen durch die sogenannte ‹Schund- und Schmutzliteratur› entgegentreten wollten». Die an Kiosken vertriebenen und unter Schülern herumgebotenen Schundheftchen wie «Der geheimnisvolle Rächer» von Frank Allan oder «Die Todeszelle» von John Kling und Titel wie «Der Vampir von Amsterdam», die «Mädchenfalle am Hudson» oder «Das Frauenhaus in Kairo» fanden immer mehr Verbreitung, ebenso sollte dem Handel unter der Schülerschaft ein Riegel geschoben werden. Lehrer Fritz Brunner erinnerte sich 1981 in einem Rückblick anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums des Schweizerischen Jugendschriftenwerks: «Hunderte von Schundheftchen stapelten sich […] im Hausvorstandszimmer, alle aus den ‹Schundhöllen› des Niederdorfes und der Langstrasse. Die modischen Pluderhosen der Buben waren gute Verstecke.» Auch die «Neue Zürcher Zeitung» berichtete am 29. Juli 1928 über die «wuchernde Schundliteratur», denn es wurden zweihundert bis tausend Hefte pro Klasse konfisziert. Die Untersuchungen ergaben auch, dass ein Schüler «auf Anhieb 48 Titel aus dem Gedächtnis niederschreiben konnte». Der Bericht in der «Neuen Zürcher Zeitung» erregte grösstes Aufsehen und die Konferenz der Zürcher Schulbibliothekare erweiterte die Untersuchungen auf alle Oberstufenlehrer der Stadt Zürich mit ihren 3250 Schülern. Der «Schweizerische Bund gegen unsittliche Literatur» berief eine Konferenz ein. Dort wurde die Gründung einer «Arbeitsgemeinschaft zum Schutze der Jugend vor Schund und Schmutz in Wort und Bild» beschlossen, und im November 1928 fand die Gründungsversammlung der ASJS statt, wo Fritz Brunner, Aktuar der neuen Vereinigung, die Ergebnisse der «Erhebungen über die Verbreitung der Schundliteratur in den Schulen der Stadt Zürich» vorstellen konnte. Auch wenn gewisse Formulierungen und Ergebnisse aus heutiger Sicht fremd klingen und auch situations- und zeitbedingte «Überreaktionen» vorkamen, führte die Diskussion zur wertvollen Gründung des Schweizerischen Jugendschriftenwerks (SJW) 1931. Interessant ist, dass unabhängig davon bereits Ende des 19. Jahrhunderts verschiedene ähnliche Bestrebungen im Gang waren. So wurde 1898 in Basel die Organisation «Gute Schriften» nach dem Vorbild des Weimarer «Vereins zur Massenverbreitung guter Schriften» gegründet. Das Ziel war, die Ausbreitung schlechter Literatur zu bekämpfen und «gute Literatur in noch grösserem Mass zu verbreiten.» Auch die schon ab 1872 an Weihnachten erscheinenden illustrierten Jugendschriften aus dem Orell Füssli Verlag und anderen vorbildlichen Initiativen bestanden. Neben dem 1922 vom Zürcher Sekundarlehrer Walter Hintermann gegründeten Schriftenwerk «Schweizer Jugendschriften» wurde auch die Literaturszene der Schweiz aktiv: «So hatte der Schweizerische Buchhändler-Verband am 6. Februar 1931 in Zürich eine Konferenz durchgeführt, zu der auch Vertreter der Autoren, Künstler und Tonkünstler eingeladen waren.» Anlass war ein Beschluss der ständerätlichen Kommission für eine Neufassung des Paragrafen 179 des Strafgesetzbuches. Darin sollte zukünftig mit Gefängnis oder Busse bestraft werden, «wer Schriften oder Bilder, von denen eine schädliche Wirkung auf die sittliche, geistige oder gesundheitliche Entwicklung oder eine Überreizung der Phantasie der Kinder und Jugendlichen ausgeht, ausstellt, anbietet, verkauft oder ausleiht.» Die Versammlung einigte sich unter Leitung von Karl Naef, Sekretär des Schweizerischen Schriftsteller-Vereins SSV, auf eine Resolution, die zum Ausdruck brachte, dass der bestehende Gesetzesartikel 179 «des nationalrätlichen Entwurfs zum eidg. Strafgesetzbuch zur Bekämpfung der unzüchtigen Literatur und Kunst genügen» würde. Der Kampf gegen «Schund und Schmutz» solle durch erzieherische und kulturelle Anstrengungen geführt werden. Neben den notwendigen und nützlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen war dies genau das, was die Lehrerschaft an der konstituierenden Versammlung des Vereins in Olten am 1. Juli 1931 beabsichtigten. Lehrerschaft und Autoren nahmen Einsitz im Vorstand der neugegründeten Organisation und beschlossen die Gründung eines «Vereins zur Herausgabe von billigen Jugendschriften, die den Schundheften äusserlich gleichen, aber erzieherisch wertvolle Inhalte vermitteln sollten.» 1932 erschienen die ersten 12 Hefte, und regelmässig, ausser in den Kriegszeiten, erschienen die beliebten SJW-Hefte. Einige Publikationen standen im Dienst der geistigen Landesverteidigung, und das Jubiläumsheft «650 Jahre Eidgenossenschaft» wurde 1941 an 614 900 Schulkinder verschenkt. Auch die Ausweitung in alle Landessprachen der Schweiz, insbesondere die verschiedenen rätoromanischen Sprachtraditionen, wurden gefördert. Die Schweizerische Stiftung für Kinder und Jugendliche «Pro Juventute», die 2012 ihr 100-Jahr-Jubiläum feiern wird, beteiligte sich seit Beginn an der Herausgabe der SJW-Hefte.
Berichten «von nützlichen Dingen und guten Dingen»
Die Lektüre eines der früheren SJW-Hefte über das Wirken von Albert Schweitzer, Henry Dunant und das Rote Kreuz, des Nordpolforschers Fridtjof Nansen oder Meinrad Inglins «Schwarzer Tanner» fesseln bis heute und sprechen beim Leser Mitmenschlichkeit und Mitgefühl mit den Freuden und Leiden in der Welt an. Fast vergessene Persönlichkeiten wie der Pädagoge Hans Zullinger oder Fritz Wartenweiler, aber auch engagierte Lehrer und Lehrerinnen und initiative Gründer der SJW-Stiftung und des SJW-Verlages und zahlreiche Schriftsteller aus den vier schweizerischen Sprachregionen und Kulturen und fast vergessene Künstler, die Umschlag und Illustrationen der individuell gestalteten Hefte besorgten, leben in der Ausstellung, im Katalog und in den Gedanken wieder auf. Es war eine grosse Freude, als man in der Schule vom Lehrer ein SJW-Heft bekam oder man sich Geld zum Kauf einiger Hefte ersparte. Für Kinder und Jugendliche wurden darin positive Vorbilder und Problemlösungen mit guten Geschichten und Bildern als wichtige Beiträge zur Persönlichkeitsbildung und zum Sinn im Leben aufgezeigt. Anita Siegfried, heute eine der erfolgreichsten Kinderbuchautorinnen, erinnert sich als «Schlüsselkind mit einer arbeitenden Mutter» besonders gern an das SJW-Heft Nr. 18, «Pfahlbauer vom Moossee», von Hans Zullinger, das ihr «familiäre Geborgenheit» bot, welche sie zu Hause vermisste: «Wie tausend andere Kinder meiner Generation habe ich das Heft verschlungen und war neidisch auf Ra, auf Klein-Hatta und die andern Kinder, deren Väter Ate, Hatt und Serr, alle von kräftigem Wuchs, zur Jagd gingen und fischten, derweil die Mütter, Frau Ate, Frau Hatt und Frau Serr, in Tüchern aus Flachs und Hanf, kochten und nähten und woben, dass es eine Art hatte. Vielleicht war das mit ein Grund, weshalb ich später Archäologin geworden bin.» Auch der Tessiner Giovanni Orelli schildert heute seine Begegnung als Bauernbube mit den «Editioni Svizzere per la Gioventu» mit grosser Dankbarkeit: «Plinio Martini, Angelo Casè, Giovanni Bianconi, Bixio Candolfi und andere schreiben mit einfachen Worten und Intelligenz von nützlichen Dingen und guten Dingen, mit Respekt vor Leuten und Natur und der schweren Arbeit der Menschen.» Mit einer «klaren Front gegen den Nationalsozialismus» wurde die Jugend vor dem Faschismus geschützt und die Kriegsjahre überstanden. Im 4. SJW-Jahresbericht 1936 schrieb Albert Fischli: «Durch den Wandel der Dinge im Laufe der letzten Jahre hat unser Werk eine Bedeutung erlangt, die wir bei der Gründung noch gar nicht ahnen konnten. Unsere Jugend muss heute dringender denn je vor den Einflüssen geschützt werden, die sich mit den geistigen Grundlagen unseres Landes einfach nicht vertragen. Wir als Angehörige von drei Nationen, die sich in freiwilligem Zusammenschluss um das weisse Kreuz im roten Feld geschart haben, lehnen entschieden alle Lehren ab, die einer dieser Nationen einen höheren Rang und ein kulturelles Übergewicht über andere zuerkennen wollen. Wir wollen nichts wissen von Rassenhass und Führervergottung; wir begehren nichts Besseres, als einträchtig und brüderlich beieinander zu wohnen.» Nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges setzten die vorbildliche «Schweizerspende», die privaten, kirchlichen und humanitären Hilfswerke ein, und auch einige SJW-Hefte widmeten sich humanitären Themen, so 1935 das Heft 49, «Der Urwalddoktor – Albert Schweitzer», von Fritz Wartenweiler. Auch die Geschichte des «Roten Kreuzes» wurde in verschiedenen Auflagen und Aufmachungen immer wieder aufgelegt.
Rückbesinnung auf die ursprünglichen Anliegen
Die Zukunft des SJW-Jugendschriftenwerks wurde durch vielfältige Einflüsse durch den postmodernen Zeitgeist der Beliebigkeit, durch eine «Amerikanisierung» und Kommerzialisierung der Kultur, durch Schulreformen und den starken Einfluss neuer Medien und Unterhaltungstechnologien stark belastet. Die Thematik einer verantwortungsbewussten Lese- und Medienerziehung ist aber gerade heute äusserst aktuell. Es ist deshalb wenig sinnvoll, sich aus heutiger Warte gegen die «moralisierende» Haltung der damaligen Erziehungsverantwortlichen zu wenden, wie dies teilweise im Text der Jubiläumsbroschüre durchklingt. Gerade heutige Kinder und Jugendliche werden mit unüberschaubaren und teilweise schlimmen, brutalen, perversen, furchtbaren und menschenverachtenden Computerspielen, Bildern und Texten, beliebigem Internet- und Handykonsum überflutet und in ihrer Entwicklung ungünstig beeinflusst. Ziehen wir auch heute die richtigen Lehren daraus, wie beispielsweise das in den 90er Jahren von allen politischen Kreisen geforderte und mitgetragene «Brutalo-Verbot», welches in der Schweizerischen Bundesverfassung verankert wurde und die Jugend vor kommerzialisierten, grausamen Video-Gewaltfilmen schützen soll. Vielleicht wäre es sinnvoll, heute vermehrt wieder über die ethischen Ziele und Anliegen, die vor 75 Jahren zur Gründung des SJW führten, nachzudenken und den Dialog zu suchen. Bei Kindern und Jugendlichen eine grundlegende Ethik und die Fähigkeit zum sozialen Mitleben mit den Menschen und der Welt zu fördern ist eine notwendige und anspruchsvolle Aufgabe. Auch heute bestehen in der Schweiz und weltweit verschiedene vorbildliche humanitäre Initiativen und Entwicklungsprojekte (Deza und IKRK). Zeitzeugen und Betroffene, auch in den Ländern mit Krieg und Armut, sollten zu Wort und in direkten Kontakt mit Kindern und Jugendlichen kommen. Alle Bereiche der Friedenserziehung, der Dialog der Kulturen, die Menschenrechte, das Humanitäre Völkerrecht, Unicef und Unesco sind wichtige Themen der heutigen Allgemeinbildung für die Jugend. Wissenswertes über Tiere, Natur, Ökologie und Nachhaltigkeit interessiert Jugendliche und Kinder. Auch heute werden wertvolle Erfindungen und Entwicklungen zum Wohl der Menschen gemacht, die mehr Aufmerksamkeit verdienen. Vielleicht würde das zu einer Renaissance der SJW-Hefte beitragen. Der Besuch der Ausstellung und die Beschäftigung mit der Thematik kann nur empfohlen werden.