Home
Kontakt
Aktuelles
Blumen des Friedens
Veranstaltungen
Ausstellungen
Publikationen
Wir über uns



Literargymnasium Rämibühl

nach oben

Mein Dank  gilt dem Schweizerischen Roten Kreuz und meine Bewunderung den Schweizer  Familien

Zum Foto-Text-Band «Not und Hoffnung –  Deutsche Kinder und die Schweiz 1946 –1956“ von Bernd Haunfelder

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen TG

2010 wird das Wirken des  Rotkreuz-Gründers Henry Dunant (1828–1910) anlässlich seines  100. Todestages mit zahlreichen Anlässen gewürdigt. Die letzten 22  Jahre seines Lebens lebte der grosse Menschen- und Friedensfreund fast  vergessen in Heiden im Kanton Appenzell-Ausserrhoden.  Durch die Empfehlung der Pazifistin und Schriftstellerin Bertha von Suttner  (1848–1914) wurde ihm noch zu Lebzeiten der erste Friedensnobelpreis  zugesprochen. Bis heute haben die nationalen und internationalen Rotkreuz-  und Rothalbmond-Gesellschaften mit ihrer segensreichen Tätigkeit  unzähligen Menschen Hilfe und Hoffnung in Zeiten des Krieges und bei  Katastrophen gebracht.
 Vieles geschieht dabei ohne grosse Publizität. Vieles geht vergessen. So  zum Beispiel ist das Wirken der Schweiz im Zweiten Weltkrieg viel zu wenig  bekannt. Deshalb ist es besonders verdienstvoll, dass 2008 der Foto- und  Textband «Not und Hoffnung – Deutsche Kinder und die Schweiz  1946–1956» des deutschen Historikers Bernd Haunfelder erschienen  ist. Darin arbeitet der Historiker erstmals die Hilfs tätigkeit des  Schweizerischen Roten Kreuzes, der «Schweizer Spende» und die  «Kinderspeisungen», «Patenschaftsaktionen» und die  «Hilfe für Vertriebenen- und Flüchtlingskinder» auf und  legt bisher kaum veröffentlichtes Fotomaterial und bewegende Berichte  von Zeitzeugen vor. Weder in Deutschland noch in der Schweiz wurde diesem  Kapitel der humanitären Hilfe der Schweiz in der Nachkriegsgeschichte  die gebührende Aufmerksamkeit gegeben. Haunfelder schreibt dazu:  «Kaum eine andere Epoche ist aber derart gut dokumentiert wie die  Kriegs- und Nachkriegszeit. Doch damalige Wochenschauberichte über die  Hilfe aus der Schweiz werden fast nie gezeigt, aussagekräftige  Kinderbilder nur sehr selten veröffentlicht und Zeitzeugen, die zum Teil  sehr bewegt über den Aufenthalt in der Schweiz, über Kinderspeisungen und über Patenschaftspakete hätten berichten  können, besassen kein Podium. Die Geschichte  der humanitären Geste unseres Nachbarlandes wäre in einigen Jahren  in Vergessenheit geraten.»

Die Schweiz half als erstes Land hungernden Deutschen

Dabei war die Hilfe der  Schweizer Bevölkerung, der kirchlichen und zivilen Hilfsorganisationen,  die gemeinsam mit dem Schweizerischen Roten Kreuz geleistet wurde,  vorbildlich. Haunfelder schreibt dazu: «Das erste Land, das der  hungernden deutschen Bevölkerung nach dem Krieg half, war die Schweiz.  Seit Anfang 1946 erhielten mehr als zwei Millionen Kinder der britischen,  französischen und sowjetischen Zone täglich Speisungen. Dazu waren Ovomaltine, Kakao und Schokolade heiss  begehrt. Ausserdem gelangten zehntausende Tonnen  Medikamente, Kleidung und Paketsendungen nach Deutschland. […] Mehr als  44 000 unterernährte und kranke deutsche Jungen und Mädchen reisten  von 1946 bis 1956 zu einem dreimonatigen Erholungsaufenthalt in die  Schweiz.» Die mehr als 120 veröffentlichten Fotografien zeigen das  Gefühl der Not, der Hoffnung und der Dankbarkeit. Es kommen Menschen zu  Wort, die in Erlebnisberichten über ihre Erholungszeit in der Schweiz  oder Hilfeleistungen in Deutschland ihre Dankbarkeit ausdrücken:  «Mein Dank gilt dem Schweizerischen Roten Kreuz und meine Bewunderung  den Schweizer Familien, die in den schweren Nachkriegsjahren so viele  deutsche Kinder glücklich gemacht haben.»
 Der Autor des Foto-Text-Bandes erfasst psychologisch sehr einfühlsam das  Wesentliche des humanitären Wirkens. Es ist das echte Erleben des  mitmenschlichen Zusammengehörigkeitsgefühls, die soziale Natur des  Menschen: «Im Gegensatz zu Millionen anderer Kinder, die von ihren  Schreckenserlebnissen jahrzehntelang immer wieder eingeholt werden, sollte sich  den ‹Schweizerkindern› schon früh eine andere Erfahrungswelt  öffnen. Mit der äusseren Genesung ging,  seinerzeit nicht gross beachtet, auch eine erste  seelische Stabilisierung einher. Dabei dürfte nicht nur die Erinnerung  an den Aufenthalt wohltuend nachgewirkt haben, auch das Eintreffen  unzähliger Pakete der Gasteltern aus der Schweiz symbolisierte,  abgesehen vom rein materiellen Wert, stets das sichere Gefühl des  Nichtverlassenseins, des Wissens um eine heile und bessere Welt.» Durch  das ganze Buch geht dieses hoffnungsvolle mitmenschliche Band der Welt als  einer Familie.

Vom grossen Wert  historischer Quellen und Zeitzeugen

Haunfelder gelingt dank des  Einblickes in die Archive des Schweizerischen Roten Kreuzes, ins Schweizerische  Bundesarchiv und in Stadtarchive eine eindrückliche historische Aufarbeitung dieser fast vergessenen Hilfeleistung. Auch die  Monatszeitschriften des Schweizerischen Roten Kreuzes enthalten wertvolle  Notizen: So wurde im Heft 2, 1949, festgehalten: «Die Kommission der  Kinderhilfe bewilligt im September 1949 für den Ankauf von Lebensmitteln  für die individuellen Patenschaften der Kreise Ludwigshafen und Hannover  einen Kredit von 75 000 Sfr. und für den Ankauf von Bettwäsche,  Küchenmaterial und Hausrat zur Einrichtung des Kinderheims Falkau, Staufen im Breisgau,  einen Kredit von 5000 Franken.»
 Und im Heft 3 von 1950 lesen wir: «Am 14. Dezember 1949 reisen 500  Flüchtlingskinder aus München, Augsburg und Nürnberg über  Schaffhausen ein, am 21. Dezember erreicht der nächste Zug mit  Flüchtlingskindern aus Würzburg, aus dem Bayerischen Wald und aus  dem Lager Hof-Moschendorf die Schweiz. Am 25.  Januar wird der nächste Zug mit Flüchtlingskindern aus  Schleswig-Holstein erwartet. Sie werden in Familien untergebracht.» Und  im gleichen Heft: «Ende Dezember 1949 befinden sich 30 deutsche Kinder  im Erholungsheim ‹Fragola›, einige in den  Heimen ‹Sonnalp› in Goldiwil und in ‹Flüeli› und 16 in ‹Oberholz›.  Schweizer Firmen versüssen den kleinen  Gästen das Weihnachtsfest.»

Grosse Hilfsbereitschaft der Schweizer  Bevölkerung

Die deutschen Historiker  Bernd Haunfelder und Markus Schmitz haben schon 2002 mit ihrem Buch  «Humanität und Diplomatie – Die Schweiz in Köln 1940–1949»  das «vielseitige humanitäre und diplomatische Engagement der  Schweiz im Köln der vierziger Jahre» aufgearbeitet. Dabei wird der  Beitrag der «Schweizer Spende an die Kriegsgeschädigten zur Linderung von Not und Elend» in Europa gewürdigt. Auch das  couragierte Verhalten einzelner Schweizer Diplomaten für die Hilfe an  den hungernden Kindern wird darin erstmals aufgearbeitet. Wie vorbildlich  sich der Schweizer Generalkonsul Franz-Rudolf von Weiss  in Köln eingesetzt hat, wird im zweiten Teil des lesenswerten Buches  anhand seiner Konsulatsberichte für das Aussenministerium in Bern  dargelegt. «Diese auch von Bundeskanzler Adenauer hoch geschätzte  humanitäre Hilfe stellte zugleich einen zentralen Aspekt der  Wiederanknüpfung der deutsch-schweizerischen Beziehungen nach 1945  dar.»
 2007 erschien von Bernd Haunfelder auch das ausgezeichnete Buch  «Kinderzüge in die Schweiz – Die Deutschlandhilfe des  Schweizerischen Roten Kreuzes 1946–1956». Auch dieses Buch  enthält einen Schatz an Textdokumenten von Zeitzeugen und  eindrücklichen Fotografien. Richard von Weizsäcker würdigte im  Geleit die Leistung der Schweiz, er schreibt: «Das Land, dem ich mich  durch meine Kinder- und Jugendzeit in Basel und Bern von jeher verbunden  fühle, hat damals wirklich Grosses geleistet. […] In zahlreichen deutschen Grossstädten gab es Zentren der ‹Schweizer  Spende›, und viele Ältere werden sich noch an die umfangreichen  Speisungen aus unserem Nachbarland erinnern. […] Fast 44 000 deutsche  Kinder waren nach dem Kriege von Schweizer Gasteltern zu einem dreimonatigen  Erholungsaufenthalt eingeladen worden, über 181 000 waren es insgesamt  aus ganz Europa – eine wahrlich beeindruckende Zahl. […] Es ist  wichtig, dass sich Deutschland der umfangreichen Hilfe des Auslands nach 1945  immer wieder erinnert.»
 Die «Neue Zürcher Zeitung» würdigte am 22. Juni 2007 das  Buch von Haunfelder und schreibt: «Dieses Kapitel schweizerischer  humanitärer Hilfe ist in der deutschen Geschichtsschreibung fast  unbekannt. […] Dabei bedeuteten die Eisenbahntransporte dieser Kinder  nicht nur eine grosse logistische Leistung in einem völlig ruinierten  Land; die Bekundung der schweizerischen Hilfsbereitschaft gegenüber  einem Nachbarland, das die Schweiz noch kurz zuvor unter Druck gesetzt und  drangsaliert hatte, war ebenfalls bemerkenswert. […] Für die  bleichen, oft kranken und traumatisierten Kinder war es eine Fahrt ins  Paradies. […] Viele der ‹Schweizer Kinder› hielten fortan die  Verbindung zu ihrer Gastfamilie aufrecht; es wurden Freundschaften fürs  Leben.»

Die humanitäre Substanz der Schweiz und des  Roten Kreuzes vermitteln

Die eindrücklichen  Einblicke in die damalige Lebenswirklichkeit bringen uns zugleich auch das  heutige Kriegselend vieler Menschen näher. Der Autor rückt auch  Missverständnisse zur Schweizer Neutralität zurecht: «Auch  wenn die Neutralität das Einschreiten für eine Kriegspartei verbot,  so schloss das berühmte Leitbild der Schweizer Aussen politik  eine Verantwortung für Europa keineswegs aus. Im Gegenteil,  Neutralität bedeutet für die Schweiz, dass man sich mit dem  zerstörten Europa solidarisch zeigte und sich des aus der Notlage  Europas ergebenden Handlungsbedarfs annahm. […] Dass die Schweiz zu den  ersten Ländern zählte, die Hilfe in das zerstörte Deutschland  gebracht hatten, war an sich schon aussergewöhnlich,  aber der Hinweis, dass die Eidgenossenschaft, gemessen an Einwohnerzahl –  seinerzeit etwa 4,3 Millionen – und finanziellem Aufwand unter allen Staaten, die Deutschland unterstützten, die grösste  Last getragen hat und, so gesehen, vergleichsweise mehr als die Vereinigten  Staaten leistete, war sehr bemerkenswert.» Haunfelder erinnert in  diesem Zusammenhang an weitere Fakten, welche heute weitgehend verschwiegen  werden: «Das Verhalten der Schweizer Bevölkerung mit ihrer Hilfe  für das kriegsversehrte Deutschland ist um so bemerkenswerter, als sich  die Schulden, welche das insolvente Naziregime am Ende des Krieges  gegenüber der Schweiz hinterliess, auf 1,2 Milliarden Franken beliefen, nach heutigem (2007) Wert etwa 6 Milliarden Franken.  Mit erpresserischen Mitteln hatte das ‹Dritte Reich› stets die  schwierige Lage der Schweiz ausgenutzt und sich finanziell wie materiell an  dem eingeschlossenen Land bedient. Entsprechend war die Stimmung  gegenüber Nachkriegsdeutschland in dieser Frage angespannt. Erst 1952  einigten sich die Schweiz und Deutschland in einem Staatsvertrag, wonach die  Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin des ‹Dritten Reiches› der  Schweiz nur rund die Hälfte der Schulden zurückzahlen  musste.»
 1954 bedankte sich die Bundesrepublik Deutschland offiziell in Bern mit der  Übergabe einer Skulptur mit der Inschrift «Dankesspende des  deutschen Volkes».

Das Rote Kreuz – das Gewissen der Menschheit

Das Rote Kreuz ist das  Gewissen der Menschheit. Unser Anteilnehmen an ihrer Tätigkeit, unser  Mitwirken für eine soziale und gerechte Welt und für Frieden, Teil  des Ganzen zu sein, machen unser ganzes «Mitmensch-Sein»  lebendig.
 Alle grossen Rechtswerke von der Allgemeinen  Erklärung der Menschenrechte, der Uno-Charta bis zum Humanitären  Völkerrecht beinhalten dieses Streben und diese mitmenschliche Ethik.  Gerade die Schweiz, die Eidgenossenschaft, hat hier eine reichhaltige  Tradition, sie ist auch Depositarstaat der Genfer Konventionen und trägt  für die Friedenspolitik eine grosse Verantwortung. Die neutrale Schweiz  ist mit ihrem auf Gleichwertigkeit der Bürger und auf sozialen Ausgleich  ausgerichteten direktdemokratischen Zusammenleben mit dem Wirken des Roten  Kreuzes zutiefst verbunden.
 Neben dem Roten Kreuz besitzt die Eidgenossenschaft viele kirchliche,  staatliche und zivile Hilfsorganisationen, die seit Jahrzehnten weltweit  ausgezeichnete Entwicklungszusammenarbeit und Hilfe zur Selbsthilfe leisten.  Die Schweizerische Deza (Direktion für  Entwicklung und Zusammenarbeit) ist dafür ein Beispiel. Diese soziale  Haltung ist die wertvollste Substanz der Schweiz, sie ist zugleich auch eine  der wichtigsten anthropologischen Konstanten in der Kultur geschichte der  Menschheit. Es ist die soziale Natur des Menschen, seine Menschenwürde,  das Prinzip der gegenseitigen Hilfe und des Respekts unter den Menschen, was  auch in allen Weltreligionen zu finden ist.

nach oben



nach oben


Zum ausgezeichneten Buch über die „Bilder des Krieges – Krieg der Bilder“ eine „Visualisierung des modernen Krieges“ von Gerhard Paul

Von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen

Der Buchverlag der Neuen Zürcher Zeitung überrascht immer wieder mit ausgezeichneten Neuerscheinungen. (2004) Die hier vorliegende europaweite erste Gesamtdarstellung der Geschichte des modernen Krieges und der Kriegsfotografie wird sicher zu einem Standardwerk. Mit über 200 Abbildungen in Farbe und Schwarz-Weiss und hochinteressanten Texten führt der Historiker und Sozialwissenschafter Gerhard Paul auf 520 Seiten in die Fotografie, den Film und in die elektronischen Medien der modernen propagandistischen Kriegs-Bildersprache ein. Unter verschiedenen Gesichtspunkten geht der Autor auf die komplexe Thematik ein. Erfreulich daran ist, dass er auch die friedenspädagogischen und geschichtsdidaktischen Aspekte berücksichtigt, weil Kriegsfotografien, so Gerhard Paul „immer auch gegenwärtige Einstellungen zum Krieg prägen, dessen Akzeptanz verstärken oder verringern.“ Damit wird die dringend nötige Belebung einer nachhaltig wirkenden Friedenspädagogik angesprochen, gerade in einer Zeit, in der hochtechnologische und elektronische Kriege geführten werden und der Einsatz von Atomwaffen „salonfähig“ werden soll. Gerade die bei der Jugend weit verbreiteten Computerspiele und die darin vielfach enthaltene Militarisierung und Brutalität führen zu einer verheerenden Gewaltbereitschaft, Akzeptanz und Bewunderung von High-Tech- Kriegsführung. Viele Bildberichte der modernen Krieg verdecken die Wahrheit der Brutalität des Krieges und zeigen auch die wahren Absichten nie: „Was Kriege sind, warum sie geführt werden, welche Folgen sie für die Menschen haben, erschliesst sich nicht aus den Bildern“ schreibt Gerhard Paul und hält fest: „Die modernen Bildmedien Fotografie, Film und Fernsehen - so eine zentrale These dieses Buches – versuchten das katastrophisch antizivilisatorische Ereignis des Krieges zu einem zivilisatorischen Akt umzuformen, ihm eine Ordnungsstruktur zu verpassen, die dieser per se nicht besitzt. Auf diese Weise trugen und tragen die medial generierten Bilder des Krieges zur immer wieder neuen Illusion seiner Plan- und Kalkulierbarkeit bei.Dass Kriege in den Köpfen einiger weniger Wahnsinnigen entstehen und dass dabei geostrategische Ziele mit dem „industriell-militärische Komplex“ im Zentrum stehen, wird in den Kriegsfotografien und den Medienberichten nicht  sichtbar. (Das Buch von Peter Forster „Die verkaufte Wahrheit – Wie uns Medien und Mächtige in die Irre führen“ bietet zu dieser Thematik auch wertvolle Einblicke.) Immer wieder lesen wir auch Meldungen, dass die US-Armee mit bezahlten Presseartikeln und propagandistisch eingebundenen Fotografien den völkerrechtswidrigen „Irak-Krieg“ führen. So berichtete die NZZ am  9.12.2005, dass in Dutzenden Artikeln für die grossen Zeitungen Iraks beschönigende Beiträge von US-Militärvertretern publiziert  wurden, „die nur dem Anschein nach von unabhängigen Journalisten verfasst wurden“. „Hochrangige Mitarbeiter bestätigten, dass die Privatfirma Lincoln Group unter Vertrag stand, um irakische Medienunternehmen mit vom US-Militär produzierten und bezahlten Beiträgen versorgen.“ Auch wird kaum über die krass gegen die Genfer Konventionen und Menschenrechte verstossenden geheimen Gefangenenlager und Folterpraktiken berichtet. Kriegsfotografien und mediale Berichterstattung darf nicht dazu missbraucht werden, um das wahnsinnige Morden und Bombardieren zu rechtfertigen. Immer gab es auch Fotoreporter, die gegen grosse Widerstände, unabhängig und ihrem Gewissen folgend das wahre Schreckensbild des Krieges zeigten. Es ist deshalb eine publizistische Verpflichtung, diese wahren Hintergründe der Bilder zu zeigen. Daraus erwächst aber auch die Aufgabe, eine Ethik des Journalismus und der Fotografie neu zu beleben. Die Ächtung des Krieges und das Mitarbeiten am Frieden ist für die Pädagogik und Erziehung eine wichtige Aufgabe. Die Wertschätzung des Dienstes am Mitmenschen und eines Beitrages für das Allgemeinwohl muss als Erziehungs- und Bildungsziel wieder mehr im Zentrum stehen. Der Jugend sollen Vorbilder der Völkerverständigung, gewaltloser Konfliktlösung und die humanitäre Tradition vermittelt werden. Sie sind überall in der Welt zu finden. In diesem Sinn können Kriegsfotografien einen wertvollen Beitrag zur Friedenspädagogik in Schule und Elternhaus leisten.

Bildmedien im Dienst der Kriegspropaganda

In einem gut bebilderten Vorspann führt Gerhard Paul in die ikonographischen Muster der Kriegsdarstellungen in Malerei und Grafik von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert ein. Viele dieser Bilder dienten den frühen Kriegsfotografen als Vorlagen, denn Erfindung und weite Verbereitung der Fotografie vor 150 Jahren etablierte sich in allen Bereichen des Lebens. Anfänglich waren die Auftraggeber das staatliche Kriegsministerium mit ihren Sonderabteilungen und die bekannten Fotopioniere wie Roger Fenton der allein vom Krim-Krieg (1853-1856) 360 Glasplatten-Fotografien herstellte. Schon hier wurde ein regelrechter Propaganda- und „Pressekrieg“ geführt. 25‘000 britische, 55'000 französische und 70'000 russische Soldaten verloren in diesem brutalen Stellungs- und Belagerungskrieg ihr Leben. Das war aber auf den Fotografien nicht ersichtlich, auch hier sollte die Realität verschwinden und der Auftrag war: „No dead bodies!“ Gerhard Paul schreibt dazu: „Die Negation des Todes und die Ordnung des Krieges gehörten in der frühen Kriegsfotografie wesensmässig zusammen und überzogen den modernen Krieg mit einem exkulpierenden romantischen Schleier.“ Die Kriege in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, so der Amerikanische Bürgerkrieg, die deutschen Reichseinigungskriege, die Pariser Commune und der Spanisch-Amerikanische Krieg von 1898 stellt der Autor dar: „Die Kriege des 19. Jahrhunderts waren die ersten modernen Kriege der Geschichte. Als solche bezeichnen wir jene durch den Einsatz von Massenheeren, durch industrialisierte Schlachtfelder, durch neue mechanische Waffen wie das Maschinengewehr und moderne Kommunikationsmedien wie die Telegrafie geprägte, tendenziell unüberschaubar gewordenen Kriege, die über immer mehr Entfernung Tod und Vernichtung brachten, in denen sich Kontrahenten selbst kaum  mehr zu Gesicht bekamen.“ Allein im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) war das Elend dieses ersten wirklich industrialisierten Krieges unbeschreiblich: „Mit seinen Übergriffen auf die Zivilbevölkerung, mit der Verwüstung und Entvölkerung ganzer Landstriche bezifferten sich allein die militärischen Verluste auf rund 618'000 Tote. Von ihnen starben etwa 200'000 Mann im Kampf oder an seinen direkten Folgen; der weitaus grössere Teil wurde Opfer von Infektionen und Krankheiten.“ So zählte dieser Krieg mehr Opfer als jeder andere im 19. Jahrhundert. Die Fotografien im reichbebilderten Band machen deutlich, dass sich in den bisherigen Kriegen noch Fronten und Soldaten, also einzelne Menschen mit einem Gewissen und noch einem Stück Menschenwürde gegenüberstanden, so sollten die weiteren Kriege auch diese Dimension noch ausschalten. So brachte der Zweite Weltkrieg wiederum eine unbeschreibliche Steigerung des Vernichtungspotentials zum „totalen Krieg“. Er „bildet der Höhepunkt in der Geschichte des industrialisierten Krieges und der Verschmelzung von Politik und Krieg unter dem Primat der Politik“ und Gerhard Paul betont: „Mit dem Bestreben zur vollständigen Niederwerfung des Gegners und zur völligen Zerstörung der feindlichen Macht hatten die Ziele und die Methoden des Krieges totale Ausmasse angenommen. Unter Missachtung des internationalen Rechts und allgemeiner moralischer Prinzipien brachten die Krieg führenden Mächte alle verfügbaren Macht- und Zerstörungsmittel ohne jede Rücksicht gegen den Feind zum Einsatz. Voraussetzung hierfür war die totale Mobilisierung sämtlicher Ressourcen von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zum Zwecke der Kriegsführung.“ Gerhard Paul zeigt das beeindruckende Foto von Dimitri Baltermanz vom Frühjahr 1942 bei Kertsch auf der Krim, wo der Fotograf in einer Bildserie unter dem Titel „Leid“ Frauen zeigt, die auf dem Schlachtfeld bei einem Massaker der SS-Wehrmacht ihre ermordeten Angehörigen suchen, nachdem die Schneeschmelze den Blick auf die Toten freigegeben hatte. Das Bild durfte während des Krieges nicht publiziert werden, da es als „defätistisch galt, die Menschen in ihrem Leid abzulichten“. Nur ganz klein wurde das Foto 1942 in einer Zeitschrift veröffentlicht, erst in den 1970er Jahren konnte es, auch als Dokument des Pazifismus verbreitet werden. Ganz eindrückliche Aufnahmen, die das wahre Gesicht des Kriegs zeigten wurden vom Fotoreporter Robert Capa (1913-1954) bekannt. Auch er kam wie viele andere Kriegsreporter bei seiner Arbeit ums Leben, Capa wird 1954 in Nord-Vietnam, beim Fotografieren einer Gruppe französischer Soldaten von einer Landmine getötet. Gerhard Paul zeigt auch ausführlich Fotografien des Nazi-Terrors und die Schreckensbilder der Konzentrationslager und des Bombenkrieges über den deutschen Städten. Wie dabei von den Alliierten systematisch und grausam vorgegangen wurde und die Zivilbevölkerung in Schutt und Asche bombardierte hat Jörg Friedrich mit seinen Büchern verdienstvoll aufgearbeitet. Dass schon damals genaue Luftaufnahmen der Konzentrationslagern und ihrer Zufahrtsbahnlinien bekannt waren und es ein leichtes gewesen wäre, die Zufahrt zu diesen entsetzlichen Vernichtungslager zu bombardieren, ist noch eine dringende Aufgabe der heutigen Geschichtsaufarbeitung.

Kriegsfotografien als Beitrag zur Antikriegsbewegung

Mit der Visualisierung des modernen Krieges im 20. Jahrhundert mit dem Ersten Weltkrieg, dem Spanischen Bürgerkrieg, dem Zweiten Weltkrieg und dem Vietnam-Krieg werden bereites viele Neuerungen in der medialen Praxis sichtbar. Im mehr als 10 Jahre dauernden Vietnam-Krieg wurden die Fotoberichterstattung und besonders die Fernsehbilder besonders wichtig. Nicht nur als propagandistische Rechtfertigung des Krieges gegen ein schon unter dem Kolonialismus leidenden Land, sondern auch erstmals als abschreckende Wirkung von Kriegsbildern. Dass dabei zwischen 700'000 und zwei Millionen Tote sowie 300'000 Vermisste auf vietnamesischer Seite geschätzt werden und „von den drei Millionen Amerikanern die zwischen 1961 und 1973 in Vietnam Dienst taten, bezahlten 58'000 Soldaten ihren Einsatz mit dem Leben. In Südvietnam hinterliess der Krieg 900'000 Waisen, eine Million Witwen und 200‘000 Prostituierte. Im Norden des Landes wurden alle städtischen Industriezentren sowie etwa 70 Prozent der landwirtschaftlichen Genossenschaften durch Luftangriffe schwer beschädigt. Im Süden zerstörte der Krieg 60 Prozent aller Dörfer. Mehrer Millionen Hektar land und Wald wurden durch Minen, Herbizide, Entlaubungsmittel und Pflanzengifte vernichtet.“ Die Grausamkeiten des Vientnam-Krieges führten nicht zuletzt durch Fotografien und Berichte zu einer Mobilisierung der amerikanischen Bevölkerung und er Weltöffentlichkeit und Amerika musste sich zurückziehen. „Die Wende in der visuellen Kriegsberichterstattung aus Vietnam markierten vor allem die Aufnahmen von zwei jungen amerikanischen Fotografen, die zu Ikonen des Vietnam-Krieges werden sollten: die Fotografien von Eddie Adams 1968 aus Saigon und die Bilder des Militärfotografen Sergeant Ronald Haeberle 1996 aus My Lai“. AP-Reporter Adams fotografierte den grauenhaften Augenblick der Erschiessung eines gefesselten Vietcong-Angehörigen durch den mit einer Pistole bewaffneten Polizeichef von Südvietnam General Nguyen Loan, auf offener Strasse. Das Bild erschien in allen grossen Zeitungen und wurde später in Tausenden von Blättern in aller Welt reproduziert. Auch das Bild des Massakers an Mütter und Kindern in My Lai im März 1968 wurde als abschreckendes Beispiel des Krieges weltweit verbreitet. Die Fotografie der Tötung von Frauen und Kinder  durch eine Gruppe von amerikanischen Soldaten unter der Leitung  von Lieutenant William L. Calley jr. haben auch Künstler und Gruppen von Kriegsgegner für wirkungsvolle Plakate verwendet. Der für Amerika äusserst kostspielige und sehr lange Vietnam-Krieg hat bis heute seine negativen Auswirkungen, nicht nur für die USA sondern für die betroffenen Ländern und die Weltwirtschaft.

Verdeckte High-Tech-Kriege und Kriegspropaganda der Gegenwart

Mit dem Golf-Krieg und der „Operation Wüstenmaulkorb“ wurde ein neues Verhältnis von Militär und Medien durchexerziert. Damit sollte ein „zweites Vietnam“ verhindert werden. Nur bestimmte zu einem Pool zugelassene Journalisten wurden mit ganz propagandistisch ausgewählten „Informationen“ versorgt. Nur 178 von 1.600 Korrespondenten wurden in den Pool aufgenommen und aus „erster Hand“ versorgt. „Erst nach Ende der Kämpfe erhielten einige Kamerateams und Fotografen die Erlaubnis Aufnahmen von dem zerstörten irakischen Konvoi auf der Strasse nach Basra zu machen.“ Diese Taktik sollte in Zukunft noch verfeinert werden. Gerhard Paul bezeichnet die Merkmale der heutigen globalen Fernsehberichterstattung mit den Begriffen „Beschleunigung, Fiktionalisierung und Entertainisierung“. Die heutigen mit viel, Technologie, Elektronik, Fälschung und Manipulation geführten „postmodernen Kriege“ der Gegenwart zeigen die Schrecken des Tötens und die Leiden der Zivilbevölkerung nur noch am Rand. Dafür werden „Echtzeit-Kriegsbilder“ fast zeitgleich mit dem Kriegsgeschehen live am Fernsehen Bilder gezeigt. Diese Bilder sollen durch eine genau Inszenierung, Zensur und Manipulation die Rechtfertigung und den „Erfolg“ der grauenvollen Kriegsgreuel vortäuschen. Durch die Geschwindigkeit der Bildfolgen und täglichen „News“ kann der Betrachter die „Informationen“ nicht mehr überprüfen, der Zuschauer erhält bewusst keine Zeit zum Nachdenken, sondern wird mit Kommentaren und Fotografien von „eingebetteten“ Reportern regelrecht zugedeckt. In Tat und Wahrheit sind die wenigsten Bilder wirklich „live“ vom unmittelbaren Kriegsschauplatz gesendet worden: „Eine Ausnahme bildeten die Berichte der drei CNN-Reporter Bernard Shaw, Peter Hollimann und Peter Arnett, die die ganze Nacht vom Dach eines Hotels in Bagdad die Bombenangriffe auf die irakische Hauptstadt als ästhetisches Spektakel geschildert und die Lichter mit einem Christbaum verglichen hatten.“ Die „Live-Suggestion“ beruhte weitgehend auf dem Zuschalten der verschiedenen Korrespondenten in aller Welt, die ihren meist vorfabrizierten Kommentar beisteuerten. Viel zu wenig bekannt wurde die skandalöse Lügenpropaganda im Golf-Krieg. Dort wurden Erfahrungen vom Kosovo-Krieg 1999 angewendet. So arbeitet Hill & Knowlton (H&K), eine der grössten PR-Agenturen der USA, mit gefälschten Bildmaterialien und Gräuelgeschichten. So deckte John R. MacArthur die so genannte „Brutkasten-Story“ als ein Produkt dieser Agentur auf. „Als Beweis für die Grausamkeit des irakischen Diktators Saddam Hussein und seiner Truppen präsentierte man der Weltöffentlichkeit ganz in der Tradition der gegen Deutschland gerichteten alliierten Gräuelpropaganda des Ersten Weltkrieges die mit dem Seriositätsstempel von Amnesty International versehene Geschichte einer angeblichen kuwaitischen Krankenschwester. In Ermangelung authentischer Bilder berichtete diese vor dem Arbeitskreis für Menschenrechte im US-Kongress auf dem Capitol und vor den Fernsehkameras unter Tränen mit angesehen zu haben, wie irakische Soldaten in einem Krankenhaus in Kuwait-City Babies aus den Brutkästen gerissen und auf dem kalten Fussboden zurückgelassen hatten, wo diese dann gestorben seien. Wie sich erst später herausstellte, handelte es sich bei der ‚glaubwürdigen Augenzeugin‘ um die von H&K präparierte 15jährige Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA. Eine im UN-Sicherheitsrat wenige Tage später vorgestellte audiovisuelle Präsentation von H&K unterfütterte die Geschichte der marodierenden und mordenden irakischen Soldaten mit weiteren vermeintlichen ‚Augenzeugen‘. Die 10,8 Millionen Dollar teure Gräuelkampagne verfehlte nicht ihr geplantes Ziel. Am 29. November 1990 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat die Resolution 678, mit der seine Mitgliedstaaten ermächtigt wurden die irakischen Truppen mit militärischer Gewalt aus Kuwait zu vertreiben.“ Gerhard Paul listet unzählige Beispiele auf, die eine unglaublich Irreführung und Verharmlosung des Kriegs durch die Medien zeigen. Krieg wurde so zunehmend zu einem inszenierten TV-Infotainment, wo die wahren Hintergründe, die Leiden der Bevölkerung, der Kinder und Soldaten sowie die unzähligen Toten nicht mehr zu sehen sind. Auch die von den Presseagenturen eingespeisten Zielbilder und –videos der Kampfflugzeuge und die von Generälen geführten Pressekonferenzen wo Luftaufnahmen auf Angriffsziele fast schulmeisterlich erläutert werden, sollen das Bild eines „sauberen High-tech-Krieges“ vermitteln. Menschen werden dabei nicht mehr gezeigt. Ganz krasse Beispiele von Desinformation und Lügenpropaganda waren im Kosovo-Krieg zentral. So wurden der Weltöffentlichkeit als Beweis für die Schuld des rumänischen Diktators Ceausescu ein Massengrab mit Leichen gezeigt, „bei denen es sich nachweislich um Personen handelte, die alle eines natürlichen Todes gestorben waren“. Zum Zweck der medialen Schuldbehauptung hatte man sie aus den Kühlräumen des städtischen Krankenhauses entwendet und medial zur Schau gestellt.“ Der Kosovo-Krieg benötigte „nicht mehr Hunderttausende von Soldaten. Es war der erste Krieg, der von alliierter Seite ohne Bodentruppen geführt wurde. Mit der Dominanz der Luftwaffe wurde der Krieg zum totalen Krieg, der die Zivilbevölkerung neben den unmittelbaren militärischen Objekten zum entscheidenden Ziel machte. Erstmals schien die neue Option auf, dass es möglich sei, den Gegner zu schlagen ohne ihm tatsächlich auf dem Boden zu begegnen. De facto wurde der Krieg daher von maximal 1.500 NATO-Fliegern und einer kleinen Elite der serbischen Luftverteidigung praktizierte, Gegner also, die sich selber nie zu Gesicht bekam. Innerhalb von wenigen Sekunden hatten junge Piloten bzw. Waffensystemoffiziere auf ihren 10-mal 10-Zentimeter grossen Bildschirmen ihr Ziel zu identifizieren und die Entscheidung zum Abschuss ihrer vermeintlichen Präzisionswaffen zu treffen.“ Bei diesen Angriffen werden zivile Opfer als „Kollateralschäden“ bezeichnet und das humanitäre Völkerrecht wird permanent verletzt. Die grundlegendsten internationalen Standards für das Verhalten im Krieg werden nicht mehr eingehalten. So wurden in den Kriegen der Gegenwart vom Kosovo und Afghanistan bis zum Irak der Schutz der Bevölkerung, Spitäler, Schulen, Museen usw. in keiner Weise eingehalten. Gerade darauf hinzuweisen, wäre die Pflicht der Medien und Reportagen. Mit dem „Krieg gegen den Terror“ werden sogar die grundlegendsten Bürgerrechte und rechtsstaatlichen Grundlagen ausgeschaltet. Tausende von „angeblichen terrorverdächtige Personen“ werden ohne Rechtsgrundlagen ausspioniert, verhaftet und gefoltert. Mit der wahnsinnigen Kriegserklärung von US-Präsident Bush: „Entweder ihr seid auf unserer Seite, oder ihr seid auf der Seite der Terroristen“ werden ganz direkt auch den geltenden Menschenrechten den Krieg erklärt. So werden zahlreich wertvolle Hintergrundinformationen über die zahlreichen Kriege der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart auch über die Anschläge vom 11.9.2001 und den Krieg in Afghanistan vermittelt, wovon vieles davon nie in den Medien zu erfahren war.

Kriegsbildern im Dienst der Friedenspädagogik

Es wird beim Studium des Buches deutlich, dass vor keiner Lüge, Fälschung, Irreführung und Manipulation für Kriegszwecke zurückgeschreckt wird. Die Brutalität des Krieges darf  nicht verschleiert werden. Der Wahnsinn, das Leid und der Schmerz der Menschen muss fühl- und sichtbar werden, denn eine grausame Fotografie zeigt nur einen Bruchteil des Elends, denn die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer. Die journalistische Arbeit mit den modernen Bildmedien, Fotografie und Film, aber auch mit den elektronischen Medien Fernsehen und Internet erfordert neben Fachwissen ein hohes Ethos und Verantwortungsgefühl. Dies muss von der Bevölkerung, den Empfänger der Informationen auch immer wieder eingefordert werden. Deshalb ist die Lektüre dieses Buches besonders empfehlenswert, gerade auch bezüglich des gegenwärtigen vökerrechtswidrigen Irak-Krieges und dem geplanten Iran-Krieges. Der Autor belegt, dass die wahren Gründe der Kriege nie gezeigt werden und die Fotografen und Medien meist eingespannt werden sollen, die tatsächlichen Schrecken, der grässliche Tod und das unsägliche Leid der betroffenen Bevölkerung und Soldaten nicht zu zeigen: „Bereits eine Produktanalyse der visuellen Kriegsberichterstattung macht deutlich, dass die technisch wie die elektronisch erzeugten äusseren Bilder des Krieges bis auf wenige Ausnahmen nichts anderes als der Versuch sind, den Krieg zu humanisieren und den Kriegstod wenn nicht ganz zu verdammen, so ihn doch zu ästhetisieren bzw. zu entkörperlichen.“ Das Buch gehört nicht nur in die Hände friedensliebender Zeitgenossen, es kann auch für die Schule, den Unterricht und die Friedenspädagogik wertvolle Zugänge ermöglichen. Auch für jüngere Schüler kann ein Bezug gefunden werden: Der Krieg darf niemals auf das Niveau von Videospielen reduziert werden und Bildung soll dem Wohl der Menschen und der ganzen Weltgemeinschaft dienen! Für die Oberstufe und das Gymnasium leistet es auch für den Geschichtsunterricht, für Medienkunde und fächerübergreifende Unterrichtsprojekte gute Dienste. Gerhard Paul betont: “ Der Medienpädagogik, der Kulturwissenschaft und der Geschichtsdidaktik fallen in diesem Kontext eine erhebliche friedenspädagogische Verantwortung zu“ und beendet seine umfassende Darstellung ganz in diesem Sinn mit den Worten: „In die Rezeption der Bilder kriegerischer Gewalt ist so immer auch die Utopie eingeschrieben: So möge es nicht sein!“ und er fügt hinzu „In der Konsequenz geht es um nichts anders als um eine visuelle Entmilitarisierung und Entbarbarisierung der Köpfe“ und er bezieht sich auf die UNESCO-Präambel von 1945: „Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden.“

nach oben


„Es gibt nicht nur ein Lambarene, jeder kann sein Lambarene haben“

Zum  2005 erschienenen und leider bereits vergriffenen Buch:
„Mit dem Herzen einer Gazelle und der Haut eines Nilpferdes – Albert Schweitzer in seinen letzten Lebensjahren und die Entwicklung seines Spitals bis zur Gegenwart“ von Jo und Walter Munz.

von Urs Knoblauch, Pädagoge und Kulturpublizist, Fruthwilen TG

Überall in der Welt findet man Menschen, die sich uneigennützig in den Dienst der Ärmsten und Hilfesuchenden stellen. Es sind oft Menschen, die bescheiden und kompetent im Hintergrund wirken. Sie bauen Hilfswerke auf oder leisten in humanitären Organisationen vorbildliche Arbeit. Sie alle sind Hoffnungsträger der Mitmenschlichkeit, eines gelebten Christentums und des Friedens. Die Schweiz hat eine wertvolle humanitäre Tradition und es ist eine wichtige Erziehungsaufgabe, diesen grossen Schatz über die Generationen weiterzugeben. Die Bevölkerung, viele Vereine und Vereinigungen, die beiden Landeskirchen und viele Hilfsorganisationen leisten immer wieder beeindruckende Hilfe, nicht nur in aktuellen Notlagen. Auf der ganzen Welt finden wir solche vorbildlichen Hilfswerke und Persönlichkeiten, die für die junge Generation Vorbilder ihrer Lebensgestaltung werden. Das Wirken Albert Schweitzers stellt einen unschätzbaren Beitrag zu „Kultur und Frieden“ dar und es liegen auch zahlreiche Texte und Publikationen des grossen Humanisten und verschiedener Autoren zu dieser Thematik vor. Wenn die Lektüre dieser Bücher und Texte den Menschen innerlich so ansprechen, dass daraus Konsequenzen gezogen werden, so wie es Albert Schweitzer ausdrückte: „Es gibt nicht nur ein Lambarene, jeder kann sein Lambarene haben“.

Mitmensch sein und Verantwortung übernehmen

So war es auch beim jungen Mediziner Walter Munz, der sich schon früh am Wirken von Albert Schweitzer (1875-1965) orientierte. Er hatte den Wunsch, nach seinem Studium und der nötigen beruflichen Erfahrung nach Lambarene zu gehen. Er wurde noch von Albert Schweitzer persönlich als Nachfolger bestimmt und war während vielen Jahren als Chefarzt und Direktor zusammen mit seiner Frau und einem engagierten Mitarbeiterteam in Lambarene tätig. Walter und Jo Munz sind in Will /SG wohnhaft und haben drei erwachsene Töchter. Walter Munz war nach seinem Medizinstudium und der Spezialausbildung in Allgemeinchirurgie seit 1961 während 10 Jahren in Lambarene, dann war er während 18 Jahren als Chirurg im Spital in Wil/SG in der Schweiz tätig und von 1991 bis 1998 leitete er die Sozialmedizinische Krankenstation für Suchtkranke und Aidspatienten „Sune-Egge“ in Zürich. Seine Frau war als Hebamme und Krankenschwester in Holland, Südafrika und in Lambarene tätig. In der Schweiz war sie langjährige freiwillige Betreuerin von Gefangenen und Mitarbeiterin in Kontakt- und Anlaufstellen für drogenabhängige Menschen. Als Maltherapeutin gründete Jo Munz 1999 das „Atelier d’expression et de création“ im Albert-Schweitzer-Spital von Lambarene. Die verschieden Jahresberichte und maltherapeutischen Arbeiten geben einen guten Einblick in die grosse kreative Betreuungsarbeit. Walter Munz und seine Frau wirken bis heute mit ganzer Kraft für die Weiterführung des Urwaldspitals mit den Schweizerischen und internationalen Hilfsvereinigungen für das Albert Schweitzer-Spital.

„Am Menschen Gutes tun“

Das 2005 erschienene und leider bereits vergriffene Buch: „Mit dem Herzen einer Gazelle und der Haut eines Nilpferdes – Albert Schweitzer in seinen letzten Lebensjahren und die Entwicklung seines Spitals bis zur Gegenwart“ von Jo und Walter Munz enthält sehr eindrückliche und gut lesbare Erlebnisberichte von zahlreichen Mitarbeitern des weltberühmten Urwalddoktors. (Verlag Huber, CH-8501 Frauenfeld, ISBN 3-7193-1381-6). Zum ersten Mal wird die Spitalgeschichte von Lambarene bis in die Gegenwart dargestellt. Auch die Ausgabe in französischer Sprache ist vergriffen und es ist  zu hoffen, dass das Buch neu aufgelegt wird. Erfreulich ist, dass demnächst eine englischsprachige Ausgabe erscheinen wird. Die grosse Nachfrage nach diesen Büchern ist ein Zeichen der Hoffnung, dass die junge Generation einen Sinn im Leben sucht und zu Gerechtigkeit und zum Gemeinwohl aller Menschen auf diesem Globus beitragen möchte. Den Publikationen ist eine grosse Ausstrahlung zu wünschen. „Lambarene“ ist der Name der kleinen Stadt am Flussufer des Ogowe wo Albert Schweitzer sein Spital gründete. Der ursprüngliche Name „Lembareni“ bedeutet in der dortigen Galoa-Sprache „Wir wollen es versuchen!“ Jo und Walter Munz betonen im Buch, dass grosse Anstrengungen und umfassende Fähigkeiten nötig sind, um Lambarene zu erhalten: „Wer in Afrika etwas Rechtes leisten will, braucht das Herz einer Gazelle und die Haut eines Nilpferdes. Zur Vorstellung  der Gazelle gehören Wachsamkeit, Mut, Risikobereitschaft und ausdauernde Rennfähigkeit. Dies alles haben wir in Lambarene nötig. Vom Nilpferd  brachten wir das Beharrungsvermögen und seine dicke Haut als Symbol des Schutzes gegen Angriff und Kritik. Für uns Nachfahren ist auch das Gedächtnis des Elefanten notwendig, damit wir Albert Schweitzer nicht vergessen.“ Denn, so schreiben die Autoren weiter: „Albert Schweitzer, seine Botschaft der Ehrfurcht vor dem Leben und die Erinnerung an sein Spital in Gabun, Äquatorialafrika, rücken allmählich in die Vergangenheit. Aber sie dürfen nicht in die Vergessenheit absinken. Der Doktor hatte seiner Tochter Rhena Schweitzer-Miller für die Zeit nach seinem Tode die Verwaltung des Krankendorfes übergeben. Mir hatte er seine Nachfolge als Chefarzt des Spitals anvertraut. Im Sommer des Jahres 2000 besuchte Frau Rhena das Spital ihres Vaters zum letzten Mal, gemeinsam mit uns beiden. Miteinander erzählten wir gerne von unseren Erlebnissen aus früherer Zeit. Im Besonderen gaben wir die Erinnerung an die zwei gabunischen Hüterinnen des Museums weiter. Diese beiden Frauen haben den Besuchern das alte Spital zu zeigen. Wir hatten mit ihnen interessante Stunden des Erzählens und des Fragens. Zum Schluss wollte eine der Afrikanerinnen wissen: Ist es wahr, was wir gehört haben? Hat der Grand Docteur wirklich die Atombombe erfunden? Wir waren perplex über diese in sympathischer Arglosigkeit gestellte Frage. Sie bezeugte eine fast unglaubliche Lücke im Verständnis von Albert Schweitzer.“ Dieses Erlebnis trug unter anderem zum Entschluss bei, Albert Schweitzers Kernanliegen und Wirken der „Ethik von der Ehrfurcht vor dem Leben“, die Spitalentwicklung und die Berichte von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Zeitzeugen aus den letzten fünf Lebensjahren von 1961 bis 1965 von Albert Schweitzer in einem Buch festzuhalten: „Am Abend dieses Tages entstand der Gedanke, unsere Erfahrungen mit Albert Schweitzer und seinem Krankendorf aufzuschreiben. Er hatte 1913 gemeinsam mit seiner Frau Helene ‚Lambarene‘ gegründet und bis zu seinem Tod im Jahr 1965 geleitet. Sein Spital arbeitet auch heute intensiv weiter und stellt sich immer aufs Neue den Herausforderungen der Zeit.“

Die „Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben“

Albert Schweitzers allgemeingültige „Ethik von der Ehrfurcht vor dem Leben“ geht wie eine Melodie durch das Buch. Die Berichte vermitteln einen sehr guten Einblick in das Leben und Wirken des Urwalddoktors. So berichtet Rhena Schweitzer-Miller (Schweiz/USA) wie sie in ihrem kleinen Labor zu dritt arbeiteten: „Wir konnten etliche bakteriologische Untersuchungen durchführen zur Entdeckung von Tuberkulose, Lepra, Gonorrhoe, und wir prüften auch die Rückenmarksflüssigkeit auf die Erreger von Syphilis und Schlafkrankheit. (...) Wir konnten jetzt Blutgruppen bestimmen und Bluttransfusionen geben. Dies wurde immer wichtiger wegen der Zunahme  von Unfällen, deren Opfer ins Spital gebracht wurden.“ Christiane Engel (Schweiz/USA), die Enkelin Schweitzers erinnert sich an die Lehrjahre als Jugendliche und als Medizinstudentin: „Zwischen 1958 und 1967 verbrachte ich meine jährlichen Schulferien – und später die Semesterferien meiner Universität – in Lambarene, lernend und arbeitend im Spital meines Grossvaters Albert Schweitzer. Die dort verbrachte Zeit war von unermesslicher Bedeutung für mich (...) Seine Idee der Ehrfurcht vor dem Leben spürte ich in meinem Innersten. Sie war überall gegenwärtig und überzeugend spürbar. In meiner kindlichen Welt bedeutete ‚Lambarene‘ das Paradies auf Erden, wo Menschen, Tiere und Pflanzen in Harmonie miteinander lebten und wo Leiden Erlösung fand.“ Jo Munz-Boddingius (Holland/Schweiz) erinnert sich gern an Rhena, „der Tochter von Albert Schweitzer. Sie kam für sechs Monate und arbeitete im Labor. Rhena ging in offenen hölzernen Sandalen und trug ein kleines blaues Hütchen. Es war, als ob ein frischer Wind durch das Spital blase, und ich bewunderte ihre Art, wie sie mit allen Krankenschwestern umging, mit jungen und älteren...“ Mit Dankbarkeit berichtet Margrit Stark-Bernhard (Schweiz) von ihrer Tätigkeit in der ‚Lingère‘, wo Waschfrauen, Büglerinnen, Schneider und Matratzenmacher zusammenarbeiteten: „Mit meinen 21 Jahren war ich eigentlich noch zu jung für diese grosse Aufgabe. Am Anfang hatte ich in Lambarene ein Zimmer neben der Hebamme Joan Boddingius – heute Jo Munz. Sie half mir, mich einzugewöhnen. Ihre uneigennützige Freundschaft werde ich nie vergessen.“ Daniel Lourdelle (Frankreich/Kanada) gibt in seinem Bericht Einblick, wie er mit Albert Schweitzer immer bessere Häuser aus Beton, vom Sand und Steinen des Ogoweflusses baute: „Mit der Zeit waren über 70 Gebäude entstanden – ohne Lepradorf mitzuzählen...“ Poul Erik Rasmussen (Dänemark/Kanada) erinnert sich im Bericht „Als Zimmermann bei Albert Schweitzer“ an das Glockengeläut zu Beginn und am Ende des Arbeitstages. Beeindruckend ist auch der Bericht der Hausbeamtin im Spital, die dort auch ihren Verlobten fand: „Als kleines Mädchen hörte ich schon von Albert Schweitzer, durch meine Eltern und die Lehrerin der Schule. Er beeindruckte mich. Wir sparten unser Taschengeld für die Lambarene-Büchse auf dem Pult der Lehrerin, und wir strickten weisse Baumwoll-Binden. Ich nahm mir vor, später in Lambarene zu helfen.“ Nach ihrer Ausbildung an der Hausbeamtinnenschule in St. Gallen war sie dann tatsächlich seit 1962 mit grosser Befriedigung in Lambarene tätig und erzählt auch vom wunderschönen Musizieren mit dem Grand Docteur und der Mitarbeit bei der Korrespondenz: „Die Zeit in Afrika wurde wohl die wichtigste meines Lebens.“ Mit einem Bezug auf Schweitzers Buch von 1921 „Zwischen Wasser und Urwald“ wird auf die Schrecken der Kolonialzeit Bezug genommen: „Was haben die Menschen draussen Gutes tun wollen oder nicht, sondern wir müssen es. Was wir an ihnen Gutes erweisen, ist nicht Wohltat, sondern Sühne. Dies ist das Fundament, auf dem sich Erwägungen aller ‚Liebeswerke‘ draussen erbauen müssen. Die Völker, die Kolonien besitzen, müssen  wissen, dass sie damit zugleich eine ungeheure humanitäre Verantwortung gegen die Bewohner derselben übernommen haben (...) wir müssen aus dem Schlafe erwachen und unsere Verantwortung sehen.“  Albert Schweitzer selber, wurde durch einen Aufruf der Evangelischen Pariser Mission 1904 auf Lambarene aufmerksam. Das Krankheitselend der Schwarzen im ‚Congo‘, der damaligen französischen Kongo-Kolonie, bewogen ihn ab 1913 seine Hilfsarbeit dort zu beginnen, die sein Leben lang dauern sollte. Zusammen mit seiner engagierten Ehefrau Helen Schweitzer-Bresslau, die einen bedeutenden Einfluss auf das Denken und Handeln ihres Mannes hatte, bauten sie gemeinsam das Urwaldspital auf.

„Friede oder Atomkrieg“

Bei der Lektüre des Buches öffnen sich viele Bezüge zu den gegenwärtigen Kriegsverbrechen und sozialen Ungerechtigkeiten. Ein besonders aktuelles Kapitel ist der Friedenstätigkeit Albert Schweitzers gewidmet. In seinem ganzen Wirken steht dies im Zentrum. Bekannt wurde sein Einsatz in den 50er und 60er gegen den Kriegswahnsinn, gegen Atomwaffen und Aufrüstung. Seine Briefe an Kennedy und Chruschtschow und deren zum Teil bis heute nie veröffentlichten Antworten sind hier wiedergegeben: „Wir sind in den beiden Weltkriegen in Unmenschlichkeit versunken und nehmen uns vor, in einen kommenden Atomkrieg noch tiefer darin zu versinken“. Ein Bruchteil der heutigen milliardenschweren Rüstungsausgaben würden ausreichen, um überall auf der Welt viele „Lambarenes“ zu schaffen, Armut und Not zu überwinden. Jo und Walter Munz erinnern sich: „Eindrücklich war der Besuch von Clara Urquhart aus Südafrika und England. Sie hat sich gemeinsam mit Bertrand Russel, Albert Einstein und Albert Schweitzer gegen die Atomwaffen eingesetzt.“ Auch dafür ist der grosse Humanist und Urwalddoktor uns heute ein Vorbild. Im letzten Teil des Buches werden die gegenwärtigen Aufgaben und Probleme für die Weiterführung des Urwaldspitals behandelt.

„Jede Generation muss ihre Aufgaben selber lösen“

Für Schule und Elternhaus stellt sich die dringend nötige Besinnung auf eine nachhaltige Friedenserziehung. Die Schulreformen und die Erziehungsdiskussion sollten auf die inhaltlichen Anliegen der Ehrfurcht vor dem Leben gerichtet werden. Nur dadurch wird eine verlässlichen Grundlage für die Schaffung von Frieden und Gerechtigkeit möglich. Vom kleinen Kind bis hinauf zum Lehrling oder Studenten kann diese Ethik im Lebensalltag in der mitmenschlichen Beziehung gelegt werden. Die Frage nach dem Sinn von Schulbildung, Schulerfolg, beruflicher Karriere oder Reichtum muss wieder auf den Dienst am Mitmenschen, das Mitgefühl mit den Armen, die Schaffung von Frieden und auf konstruktives Mitwirken am Gemeinwohl im engeren und weiteren Umfeld auf dieser Welt gerichtet werden. Dazu verhilft die Lektüre aller greifbaren Bücher von Albert Schweitzer und auch vergriffene Bücher wie das von Walter Munz „Albert Schweitzer im Gedächtnis der Afrikaner und in meiner Erinnerung“ aus der Reihe der Albert-Schweitzer Studien. Der Hoffnung von Jo und Walter Munz  ist beizupflichten: „Wir hoffen, dass die Ehrfurcht vor dem Leben, welche Albert Schweitzer in Lambarene fand und lebte, weit über die Grenzen von Gabun und von Afrika hinaus viele Menschen erreiche und bewege. (...) Sie setzt uns in eine lebendige Beziehung zu aller Kreatur, und sie hilft uns Menschen auf der Suche nach dem Frieden.“ Dem ganzen Wirken von Albert Schweitzer und seinen Nachfolgern ist eine grosse Ausstrahlung zu wünschen.

Weitere Informationen finden Sie unter

http://www.schweitzer.org

nach oben


Zur Wanderausstellung «75 Jahre Schweizerisches Jugendschriftenwerk – 50 Jahre SJW-Stiftung» in der Zentralbibliothek Zürich

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen TG

Bis zum 15. Januar 2007 kann die Wanderausstellung «75 Jahre Schweizerisches Jugendschriftenwerk – 50 Jahre SJW-Stiftung» am idealen Ort in den würdevollen Räumen der Zentralbibliothek Zürich besucht werden. Dort werden seit 1972 die Originalillustrationen der traditionsreichen SJW-Hefte aufbewahrt. Zum 75-Jahre-Jubiläum des SJW-Verlags und zum 50-Jahre-Jubiläum der SJW-Stiftung wird diese wertvolle pädagogische Bildungs- und Verlagsarbeit gewürdigt. Zahlreiche, längst vergriffene Originalhefte, von namhaften Autoren verfasst und von bekannten Künstlern illustriert, sind an der Ausstellung zu bewundern.
 
Gegen 50 Millionen SJW-Hefte, mit Auflagen bis zu 500 000 Exemplaren, in den vier Landes­sprachen der Schweiz erreichten das junge Publikum. Viele Erwachsene erinnern sich heute noch gerne an diese ersten aufbauenden Leseerlebnisse als Jugendliche. Verantwortungsbewusste Pädagogen und Erziehungsbehörden schufen vor 75 Jahren eine Stiftung und ein Jugendschriftenwerk, welches die Jugend vor der aufkommenden damaligen «Schmutz- und Schundliteratur» schützen sollte. Anspruchsvolle, unterhaltsame und preisgünstige Literatur mit Vorbildwirkung sollte in Schule und Elternhaus Verbreitung finden und die Jugendlichen für das konstruktive Zusammenleben vorbereiten. Anschliessend wandert die Ausstellung ins Gutenbergmuseum nach Fribourg, dann in die Zentral- und Hochschulbiliothek Luzern und schliesslich an die Solothurner Literaturtage. Zum Jubiläum ist eine reichillustrierte Publikation «Ein geistiges Rütli für die Schweizer Jugend» zur Geschichte des Jugendschriftenwerks von Charles Linsmayer erschienen. Die Ausstellung und der Katalog geben auch einen guten Einblick in eine interessante Epoche der schweizerischen Kulturgeschichte. Das Heranführen der jungen Generation an pädagogisch gute Jugendliteratur, gute Filme und an das Mitleben mit den Freuden und Leiden in der eigenen und fremden Welt wird gerade heute für alle Erzieher, für Schule, Elternhaus und Gesellschaft zu einer wichtigen Aufgabe und zu einem dringend nötigen Beitrag einer nachhaltigen Friedenserziehung.

Kampf gegen Schundliteratur

Der konkrete Anlass für den Aufbau des Jugendschriftenwerks war ein alarmierender Vorfall 1928 im Zürcher Riedtli-Schulhaus. Dort ist «die Idee zu einem schweizerischen Jugendschriftenwerk im Kreis von Lehrern entstanden, die der Gefährdung der Jugendlichen durch die sogenannte ‹Schund- und Schmutzliteratur› entgegentreten wollten». Die an Kiosken vertriebenen und unter Schülern herumgebotenen Schundheftchen wie «Der geheimnisvolle Rächer» von Frank Allan oder «Die Todeszelle» von John Kling und Titel wie «Der Vampir von Amsterdam», die «Mädchenfalle am Hudson» oder «Das Frauenhaus in Kairo» fanden immer mehr Verbreitung, ebenso sollte dem Handel unter der Schülerschaft ein Riegel geschoben werden.
Lehrer Fritz Brunner erinnerte sich 1981 in einem Rückblick anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums des Schweizerischen Jugendschriftenwerks: «Hunderte von Schundheftchen stapelten sich […] im Hausvorstandszimmer, alle aus den ‹Schundhöllen› des Niederdorfes und der Langstrasse. Die modischen Pluderhosen der Buben waren gute Verstecke.» Auch die «Neue Zürcher Zeitung» berichtete am 29. Juli 1928 über die «wuchernde Schundliteratur», denn es wurden zweihundert bis tausend Hefte pro Klasse konfisziert. Die Untersuchungen ergaben auch, dass ein Schüler «auf Anhieb 48 Titel aus dem Gedächtnis niederschreiben konnte». Der Bericht in der «Neuen Zürcher Zeitung» erregte grösstes Aufsehen und die Konferenz der Zürcher Schulbibliothekare erweiterte die Untersuchungen auf alle Oberstufenlehrer der Stadt Zürich mit ihren 3250 Schülern. Der «Schweizerische Bund gegen unsittliche Literatur» berief eine Konferenz ein. Dort wurde die Gründung einer «Arbeitsgemeinschaft zum Schutze der Jugend vor Schund und Schmutz in Wort und Bild» beschlossen, und im November 1928 fand die Gründungsversammlung der ASJS statt, wo Fritz Brunner, Aktuar der neuen Vereinigung, die Ergebnisse der «Erhebungen über die Verbreitung der Schundliteratur in den Schulen der Stadt Zürich» vorstellen konnte. Auch wenn gewisse Formulierungen und Ergebnisse aus heutiger Sicht fremd klingen und auch situations- und zeitbedingte «Überreaktionen» vorkamen, führte die Diskussion zur wertvollen Gründung des Schweizerischen Jugendschriftenwerks (SJW) 1931.
Interessant ist, dass unabhängig davon bereits Ende des 19. Jahrhunderts verschiedene ähnliche Bestrebungen im Gang waren. So wurde 1898 in Basel die Organisation «Gute Schriften» nach dem Vorbild des Weimarer «Vereins zur Massenverbreitung guter Schriften» gegründet. Das Ziel war, die Ausbreitung schlechter Literatur zu bekämpfen und «gute Literatur in noch grösserem Mass zu verbreiten.»
Auch die schon ab 1872 an Weihnachten erscheinenden illustrierten Jugendschriften aus dem Orell Füssli Verlag und anderen vorbildlichen Initiativen bestanden. Neben dem 1922 vom Zürcher Sekundarlehrer Walter Hintermann gegründeten Schriftenwerk «Schweizer Jugendschriften» wurde auch die Literaturszene der Schweiz aktiv: «So hatte der Schweizerische Buchhändler-Verband am 6. Februar 1931 in Zürich eine Konferenz durchgeführt, zu der auch Vertreter der Autoren, Künstler und Tonkünstler eingeladen waren.» Anlass war ein Beschluss der ständerätlichen Kommission für eine Neufassung des Paragrafen 179 des Strafgesetzbuches. Darin sollte zukünftig mit Gefängnis oder Busse bestraft werden, «wer Schriften oder Bilder, von denen eine schädliche Wirkung auf die sittliche, geistige oder gesundheitliche Entwicklung oder eine Überreizung der Phantasie der Kinder und Jugendlichen ausgeht, ausstellt, anbietet, verkauft oder ausleiht.»
Die Versammlung einigte sich unter Leitung von Karl Naef, Sekretär des Schweizerischen Schriftsteller-Vereins SSV, auf eine Resolution, die zum Ausdruck brachte, dass der bestehende Gesetzesartikel 179 «des nationalrätlichen Entwurfs zum eidg. Strafgesetzbuch zur Bekämpfung der unzüchtigen Literatur und Kunst genügen» würde. Der Kampf gegen «Schund und Schmutz» solle durch erzieherische und kulturelle Anstrengungen geführt werden. Neben den notwendigen und nützlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen war dies genau das, was die Lehrerschaft an der konstituierenden Versammlung des Vereins in Olten am 1. Juli 1931 beabsichtigten. Lehrerschaft und Autoren nahmen Einsitz im Vorstand der neugegründeten Organisation und beschlossen die Gründung eines «Vereins zur Herausgabe von billigen Jugendschriften, die den Schundheften äusserlich gleichen, aber erzieherisch wertvolle Inhalte vermitteln sollten.»
1932 erschienen die ersten 12 Hefte, und regelmässig, ausser in den Kriegszeiten, erschienen die beliebten SJW-Hefte. Einige Publikationen standen im Dienst der geistigen Landesverteidigung, und das Jubiläumsheft «650 Jahre Eidgenossenschaft» wurde 1941 an 614 900 Schulkinder verschenkt. Auch die Ausweitung in alle Landessprachen der Schweiz, insbesondere die verschiedenen rätoromanischen Sprachtraditionen, wurden gefördert. Die Schweizerische Stiftung für Kinder und Jugendliche «Pro Juventute», die 2012 ihr 100-Jahr-Jubiläum feiern wird, beteiligte sich seit Beginn an der Herausgabe der SJW-Hefte.

Berichten «von nützlichen Dingen und guten Dingen»

Die Lektüre eines der früheren SJW-Hefte über das Wirken von Albert Schweitzer, Henry Dunant und das Rote Kreuz, des Nordpolforschers Fridtjof Nansen oder Meinrad Inglins «Schwarzer Tanner» fesseln bis heute und sprechen beim Leser Mitmenschlichkeit und Mitgefühl mit den Freuden und Leiden in der Welt an. Fast vergessene Persönlichkeiten wie der Pädagoge Hans Zullinger oder Fritz Wartenweiler, aber auch engagierte Lehrer und Lehrerinnen und initiative Gründer der SJW-Stiftung und des SJW-Verlages und zahlreiche Schriftsteller aus den vier schweizerischen Sprachregionen und Kulturen und fast vergessene Künstler, die Umschlag und Illustrationen der individuell gestalteten Hefte besorgten, leben in der Ausstellung, im Katalog und in den Gedanken wieder auf.
Es war eine grosse Freude, als man in der Schule vom Lehrer ein SJW-Heft bekam oder man sich Geld zum Kauf einiger Hefte ersparte. Für Kinder und Jugendliche wurden darin positive Vorbilder und Problemlösungen mit guten Geschichten und Bildern als wichtige Beiträge zur Persönlichkeitsbildung und zum Sinn im Leben aufgezeigt. Anita Siegfried, heute eine der erfolgreichsten Kinderbuchautorinnen, erinnert sich als «Schlüsselkind mit einer arbeitenden Mutter» besonders gern an das SJW-Heft Nr. 18, «Pfahlbauer vom Moossee», von Hans Zullinger, das ihr «familiäre Geborgenheit» bot, welche sie zu Hause vermisste: «Wie tausend andere Kinder meiner Generation habe ich das Heft verschlungen und war neidisch auf Ra, auf Klein-Hatta und die andern Kinder, deren Väter Ate, Hatt und Serr, alle von kräftigem Wuchs, zur Jagd gingen und fischten, derweil die Mütter, Frau Ate, Frau Hatt und Frau Serr, in Tüchern aus Flachs und Hanf, kochten und nähten und woben, dass es eine Art hatte. Vielleicht war das mit ein Grund, weshalb ich später Archäologin geworden bin.»
Auch der Tessiner Giovanni Orelli schildert heute seine Begegnung als Bauernbube mit den «Editioni Svizzere per la Gioventu» mit grosser Dankbarkeit: «Plinio Martini, Angelo Casè, Giovanni Bianconi, Bixio Candolfi und andere schreiben mit einfachen Worten und Intelligenz von nützlichen Dingen und guten Dingen, mit Respekt vor Leuten und Natur und der schweren Arbeit der Menschen.»
Mit einer «klaren Front gegen den Nationalsozialismus» wurde die Jugend vor dem Faschismus geschützt und die Kriegsjahre überstanden. Im 4. SJW-Jahresbericht 1936 schrieb Albert Fischli: «Durch den Wandel der Dinge im Laufe der letzten Jahre hat unser Werk eine Bedeutung erlangt, die wir bei der Gründung noch gar nicht ahnen konnten. Unsere Jugend muss heute dringender denn je vor den Einflüssen geschützt werden, die sich mit den geistigen Grundlagen unseres Landes einfach nicht vertragen. Wir als Angehörige von drei Nationen, die sich in freiwilligem Zusammenschluss um das weisse Kreuz im roten Feld geschart haben, lehnen entschieden alle Lehren ab, die einer dieser Nationen einen höheren Rang und ein kulturelles Übergewicht über andere zuerkennen wollen. Wir wollen nichts wissen von Rassenhass und Führervergottung; wir begehren nichts Besseres, als einträchtig und brüderlich beieinander zu wohnen.» Nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges setzten die vorbildliche «Schweizerspende», die privaten, kirchlichen und humanitären Hilfswerke ein, und auch einige SJW-Hefte widmeten sich humanitären Themen, so 1935 das Heft 49, «Der Urwalddoktor – Albert Schweitzer», von Fritz Wartenweiler. Auch die Geschichte des «Roten Kreuzes» wurde in verschiedenen Auflagen und Aufmachungen immer wieder aufgelegt.

Rückbesinnung auf die ursprünglichen Anliegen

Die Zukunft des SJW-Jugendschriftenwerks wurde durch vielfältige Einflüsse durch den postmodernen Zeitgeist der Beliebigkeit, durch eine «Amerikanisierung» und Kommerzialisierung der Kultur, durch Schulreformen und den starken Einfluss neuer Medien und Unterhaltungstechnologien stark belastet. Die Thematik einer verantwortungsbewussten Lese- und Medienerziehung ist aber gerade heute äusserst aktuell. Es ist deshalb wenig sinnvoll, sich aus heutiger Warte gegen die «moralisierende» Haltung der damaligen Erziehungsverantwortlichen zu wenden, wie dies teilweise im Text der Jubiläumsbroschüre durchklingt. Gerade heutige Kinder und Jugendliche werden mit unüberschaubaren und teilweise schlimmen, brutalen, perversen, furchtbaren und menschenverachtenden Computerspielen, Bildern und Texten, beliebigem Internet- und Handykonsum überflutet und in ihrer Entwicklung ungünstig beeinflusst. Ziehen wir auch heute die richtigen Lehren daraus, wie beispielsweise das in den 90er Jahren von allen politischen Kreisen geforderte und mitgetragene «Brutalo-Verbot», welches in der Schweizerischen Bundesverfassung verankert wurde und die Jugend vor kommerzialisierten, grausamen Video-Gewaltfilmen schützen soll.
Vielleicht wäre es sinnvoll, heute vermehrt wieder über die ethischen Ziele und Anliegen, die vor 75 Jahren zur Gründung des SJW führten, nachzudenken und den Dialog zu suchen. Bei Kindern und Jugendlichen eine grundlegende Ethik und die Fähigkeit zum sozialen Mitleben mit den Menschen und der Welt zu fördern ist eine notwendige und anspruchsvolle Aufgabe. Auch heute bestehen in der Schweiz und weltweit verschiedene vorbildliche humanitäre Initiativen und Entwicklungsprojekte (Deza und IKRK). Zeitzeugen und Betroffene, auch in den Ländern mit Krieg und Armut, sollten zu Wort und in direkten Kontakt mit Kindern und Jugendlichen kommen. Alle Bereiche der Friedenserziehung, der Dialog der Kulturen, die Menschenrechte, das Humanitäre Völkerrecht, Unicef und Unesco sind wichtige Themen der heutigen Allgemeinbildung für die Jugend. Wissenswertes über Tiere, Natur, Ökologie und Nachhaltigkeit interessiert Jugendliche und Kinder. Auch heute werden wertvolle Erfindungen und Entwicklungen zum Wohl der Menschen gemacht, die mehr Aufmerksamkeit verdienen.
Vielleicht würde das zu einer Renaissance der SJW-Hefte beitragen. Der Besuch der Ausstellung und die Beschäftigung mit der Thematik kann nur empfohlen werden.

Weitere Informationen: www.sjw.ch

nach oben